Russische Befindlichkeiten und unverrückbare Standpunkte

Hier kann alles diskutiert werden, dass in die anderen Unterforen nicht passt. Aber bitte keine politische Diskussion anzetteln, dafür ist das Politikforum da.

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saransk
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Russische Befindlichkeiten und unverrückbare Standpunkte

Beitrag von saransk » Mittwoch 10. August 2016, 13:17

Wladimir 30 schrieb in einem anderen Bezug:
"Dieses Problem habe ich - natürlich, möchte ich sagen - zu 100% identisch auch. Ich habe es allerdings mittlerweile generell aufgegeben, mich auf solche Diskussionen einzulassen. Sowohl in DEU als auch in RUS war es immer so, dass ich nach Ansicht der Gesprächsteilnehmer von der Propaganda der jeweils anderen Seite infiltriert, durchtränkt, zerfressen (und weitere Möglichkeiten, derer es da viele gibt) bin. Die Fronten sind zu verhärtet, als das ein ausgewogener Austausch stattfinden kann. Abschuss des Flugzeugs über der Ukraine, Krim, nun Olympia, um nur mal die "Rosinen" zu nennen.

Mich hat lange Jahre sehr gewundert, warum auch Leute, die ich für seriös halte, mit denen ich immer sehr gerne diskutiere und deren Meinung ich sehr schätze, warum auch solche Leute bei bestimmten Themen ebenso reagieren und mich zwar mit einem freundschaftlich-gönnerischen Klaps auf die Schulter, aber in der Sache ebenso eindeutig genauso bezichtigen.

Bis ich festgestellt habe, dass es nicht (nur) eine Frage der Propaganda ist, sondern auch der nationalen Befindlichkeiten, die einfach da sind, und die bei solchen Debatten ebenso berücksichtigt werden müssten. Diese sind in DEU und in RUS sehr unterschiedlich, und ein Verständnis ist hier kaum möglich, weil sich kaum jemand ernsthaft mit diesen Befindlichkeiten beschäftigt bzw. überhaupt beschäftigen will. Solange aber dieser Punkt außen vor gelassen wird, wird ein Verständnis der jeweils anderen Seite kaum erreicht werden. Und dann können, und das ist der Grund, weshalb ich hier diesen Off-Topic-Beitrag dennoch bringe, dann können die bestfundiertesten und faktisch geprüften Aussagen auch nichts erreichen, da die emotional immer präsente und die Wahrnehmung prägende Ausgangsbasis der Diskussion nicht "passt".
Ich möchte aus diesem Grund hier mal ein neues Thema eröffnen, da von dieser Problematik wohl fast alle hier betroffen sind, welche einen russischen Partner haben, oder privat und geschäftlich öfters mit Russen zu tun haben.
Denke auch, daß dies für "Neulinge" wichtig ist, um vor Ort nicht direkt in einem riesen Fettnapf oder schlimmer zu landen.

Muß natürlich zugeben, daß auch ich hiervon massiv betroffen bin, da weder meine Frau noch die Verwandtschaft in Russland für anderslautende Argumente oder Standpunkte, als die russischen, zugänglich sind, und mir auch keine übergreifenden Argumentationen hierzu einfallen.



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Re: Russische Befindlichkeiten und unverrückbare Standpunkte

Beitrag von bella_b33 » Mittwoch 10. August 2016, 14:20

Meine Meinung:
Ein paar Fanaten gibt es überall, aber mit dem Rest hab ich beim Diskutieren eigentlich kein Problem. Hängt aber vielleicht auch stark an der eigenen Meinung und Akzeptanz.....und an der Themenwahl ;)
Dumm sein ist wie tot sein: Man selber merkt nichts, schlimm ist es nur für die Anderen!

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Re: Russische Befindlichkeiten und unverrückbare Standpunkte

Beitrag von Okonjima » Mittwoch 10. August 2016, 14:40

In meinem russischen Umfeld glaube ich immer unterschwellig den Gedanken (Hilferuf?) wahrzunehmen "uns Russen will sowieso
keinen bzw. wir gehören ja eh nirgenwo dazu. Und ernst nimmt Europa oder der Rest der Welt uns auch nicht!"
Dieser ganze martialische russische Nationalstolz ist bei mir sowas wie ein Hilferuf um Anerkennung.
Und wenn ich mich in D so umhöre, dann nehmen wir sie auch nicht wirklich ernst. Ich rede jetzt nicht von der
Politik, sondern die Bevölkerung hat wenig Zugang zu Russland und schon garnicht zur russischen Denkweise.
Die Russen mögen es nicht (wer überhaupt!), wenn pausenlos jemand mit erhobenem Zeigefinger daherkommt und
ihre Lebensweise, Politik o.ä. kritisiert. (btw ist in Afrika genauso).
Ich persönlich hab jetzt eher die Erfahrung gemacht, das ich durchaus konstrukiv mit Russen streiten kann.
Dazu muss man erstmal soweit zu Ihnen vordringen, das man Ihnen vermitteln kann ihre Denkweise nachvollziehen
zu können.
"Im Wald da steht ein Ofenrohr, nu stellt euch ma die Hitze vor!"

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Re: Russische Befindlichkeiten und unverrückbare Standpunkte

Beitrag von m5bere2 » Mittwoch 10. August 2016, 14:50

Die Situation ist doch viel komplexer. Es kommt meiner Erfahrung nach gar nicht so sehr darauf an, ob man mit Russen oder Deutschen redet. Je nach Umfeld oder Altersgruppe gibt es sowohl Deutsche als auch Russen, denen ich zu "prowestlich" bin und sowohl Deutsche als auch Russen, denen ich zu "prorussisch" bin.

Es gibt ja Deutsche und Russen in Deutschland, die sind patrotischer als jeder tatsächlich in Russland lebender Mensch und wollen mir erklären, dass ich hier im Paradies wohne. Nun fühle ich mich ja hier tatsächlich wohler als in Deutschland, aber zu kritisieren gibt es auch genug. Damit bin ich automatisch für die einen schon ein Putinversteher und für die anderen schon NATO-Handlanger und fünfte Kollonne, und zwar egal ob für Russen oder Deutsche.

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Re: Russische Befindlichkeiten und unverrückbare Standpunkte

Beitrag von saransk » Mittwoch 10. August 2016, 14:58

Auch wenn es schon fast ins politische Forum passt, bin ich eben in RT auf folgenden Artikel gestoßen. da ein copyandpaste nicht ging, hab ich die Kernaussage so aufgeschrieben.

"Liebe Rußlanddeutsche oder Spätaussiedler.....
Jetzt seid ihr Gottseidank gut integriert und ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft und ich hoffe, ihr seid in dieser Heimat hierangekommen.
Warum aber schauen so viele russisches Fernsehen? Warum glaubt ihr dem Diktator Putin mehr als unseren Politikern? Wer hat euch hierher geholfen?"

Dies war ein Auszug eines evangelischen Gemeindebriefes.

Die Antwort eines Lesers in RT ist aber auch nicht besser:
"Man sollte solche Pastoren die Hetz Schriften gegen Russland verbreiten - ans Kreuz nageln."

Soviel zum Thema unverrückbare Standpunkte.



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Re: Russische Befindlichkeiten und unverrückbare Standpunkte

Beitrag von louise » Mittwoch 10. August 2016, 15:54

Hier ist der link.
https://deutsch.rt.com/inland/39911-wen ... -mengener/
Ich bin dagegen, dass die Evangelische Kirche Politik macht, die von der Botschaft der Bergpredigt abweicht!
"[n]o set of mutually inconsistent observations can exist for which some human intellect cannot conceive a coherent explanation, however complicated."

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Re: Russische Befindlichkeiten und unverrückbare Standpunkte

Beitrag von m5bere2 » Mittwoch 10. August 2016, 16:01

saransk hat geschrieben:Warum glaubt ihr dem Diktator Putin mehr als unseren Politikern? Wer hat euch hierher geholfen?
Genau, wenn ich jemanden von meinem Standpunkt überzeugen will, beschimpfe ich ihn auch erstmal als Nazi und Vertreter seiner Standpunkte als Diktatoren. Hilft immer, und wenn nicht, dann gibts auf die 12!
louise hat geschrieben:Ich bin dagegen, dass die Evangelische Kirche Politik macht!
Und das im von Pfarrern und ihren Kindern angeführten Gottesstaat Deutschland! :lol:

Eigentlich interessant, dass er als Pfarrer den "Massenmörder Assad" schimpft. Im Interesse seiner dort ehemals lebenden Glaubensbrüder dürfte die Vertreibung des sekulären Assadregimes jedenfalls nicht sein, wenn man die sich anbahnenden Alternativen so anschaut...

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Re: Russische Befindlichkeiten und unverrückbare Standpunkte

Beitrag von louise » Mittwoch 10. August 2016, 16:33

m5bere2 hat geschrieben:
louise hat geschrieben:Ich bin dagegen, dass die Evangelische Kirche Politik macht!
Und das im von Pfarrern und ihren Kindern angeführten Gottesstaat Deutschland! :lol:

Eigentlich interessant, dass er als Pfarrer den "Massenmörder Assad" schimpft. Im Interesse seiner dort ehemals lebenden Glaubensbrüder dürfte die Vertreibung des sekulären Assadregimes jedenfalls nicht sein, wenn man die sich anbahnenden Alternativen so anschaut...
Ein wirklich guter Kommentar von Dir!
Ich kannte noch evangelische Christen, die sich zu einer "Bekennenden Kirche" zusammen schließen mussten....gar nicht so lange her.
"[n]o set of mutually inconsistent observations can exist for which some human intellect cannot conceive a coherent explanation, however complicated."

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Re: Russische Befindlichkeiten und unverrückbare Standpunkte

Beitrag von kamensky » Mittwoch 10. August 2016, 16:51

saransk hat geschrieben:Wladimir 30 schrieb in einem anderen Bezug:
"Dieses Problem habe ich - natürlich, möchte ich sagen - zu 100% identisch auch. Ich habe es allerdings mittlerweile generell aufgegeben, mich auf solche Diskussionen einzulassen. Sowohl in DEU als auch in RUS war es immer so, dass ich nach Ansicht der Gesprächsteilnehmer von der Propaganda der jeweils anderen Seite infiltriert, durchtränkt, zerfressen (und weitere Möglichkeiten, derer es da viele gibt) bin. Die Fronten sind zu verhärtet, als das ein ausgewogener Austausch stattfinden kann. Abschuss des Flugzeugs über der Ukraine, Krim, nun Olympia, um nur mal die "Rosinen" zu nennen.
Solche Situationen entstehen nur dann, wenn die Interessen aus einseitiger Sichtweise beurteilt werden, welche vielfach bei den eher aelteren Generationen ausgepraegt zu erkennen ist und zwar auf BEIDEN Seiten. Auch ich war Anfangs aeusserst skeptisch, die aus dem zusaetzlichen Grund, dass beide Elternteile meiner LP Staatsangestellte sind und der Bruder eine staatliche Taetigkeit inne hat. Doch das hier angesprochene Klischee "West schlecht, schuldig" und nur RU gut konnte ich nicht vorfinden. Gegenteilig, wir diskutierten oft ueber vorwiegend die Ukraine und die damit im Kontext zu bringenden Problemen. Diese Konflikte festigten unsere quasi Schwiegersohnbeziehung um so mehr. Obschon ja keiner der Gegenpartei "Mama, Papa und Bruder" je ausserhalb der GUS verbrachten. Auf meine Nachfrage erkundigte ich mich zuerst bei meiner LP, weshalb dies wohl so sei: Darauf kam die Anwort, dass die Grosseltern der sich in Europa befindenden Enkel ein positives Bild vermitteln was mir die Grosseltern bzw. Eltern spaeter auch oefters verbal bestaetigten. Der Kontakt (vorwiegend Skype Video) zwischen den Eltern meiner LP und meiner bald 92 jaehrigen Mutter erfolgt monatlich mehrmals in russischdeutscher und noetigenfalls noch Handsprache. Im Umfeld meiner Familie, Freunde und Bekannten gibt es deswegen keine verhaerteten Fronten, dies sicherlich aus dem Grunde, dass die meisten von ihnen schon ein paarmal in RU Ferien machten und sonst natuerlich vielfach auch durch Arbeitsaufenthalte in Laendern mit anderen Kulturen dadurch weltoffen sind.
ATTN @all: Ich bin weder der Verfasser noch ein Redaktionsmitarbeiter von der/den vorstehenden Verlinkung/en.

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Re: Russische Befindlichkeiten und unverrückbare Standpunkte

Beitrag von kamensky » Mittwoch 10. August 2016, 17:04

Wladimir30 hat geschrieben:Mich hat lange Jahre sehr gewundert, warum auch Leute, die ich für seriös halte, mit denen ich immer sehr gerne diskutiere und deren Meinung ich sehr schätze, warum auch solche Leute bei bestimmten Themen ebenso reagieren und mich zwar mit einem freundschaftlich-gönnerischen Klaps auf die Schulter, aber in der Sache ebenso eindeutig genauso bezichtigen.
Solche Situationen entstehen oft aus Angst und in Gesellschaft. Sich fuer, oder gegen Etwas zu outen, oder anders gesagt, was ausserhalb der 90% Meute der meinetwegen patriotisch gesinnten liegt. "Arschleckermanie" nenne ich ein solch freundschaftliches Gebaren. Das verstecken, oder verfaelschen der eigenen Meinung aus Angst ist Feigheit pur und hat zumindest in meinem Umfeld keinen Platz. Das teile ich auch jedem mit, egal welche Funktion, oder beruflichen Grad er inne hat.
ATTN @all: Ich bin weder der Verfasser noch ein Redaktionsmitarbeiter von der/den vorstehenden Verlinkung/en.



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