Eine alte deutsche Stadt?

Ausrichterstadt der Fußballweltmeisterschaft 2018
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Eine alte deutsche Stadt?

Beitrag von Wladimir30 » Montag 13. August 2018, 13:06

Abtrennung aus: viewtopic.php?f=32&t=20083, Norbert, Vize-Admin

Da ich noch nie in Kaliningrad war, würde mich mal interessieren, ob die Stadt gefühlsmäßig eher eine alte deutsche Stadt ist, oder eine sowjetische oder eine "moderne" russische.
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Re: Eine alte deutsche Stadt?

Beitrag von domizil » Montag 13. August 2018, 13:15

... gar nicht so einfach zu beantworten, diese Frage, wenn man nicht sofort politisch werden will.

Das Stadtzentrum von Königsberg wurde 1944 komplett, wirklich komplett, zerstört und nach sowjetischen Ästhetik-Vorstellungen wieder aufgebaut. In den äußeren Stadtteilen findet man noch viele historische Bausubstanz. In diesem Jahr wurde die Rekonstruktion der zentralen Straße "Leninski-Prospekt" abgeschlossen - sie zeigt sich jetzt im Pseudo-Hanse-Stil.

Ansonsten kennen wir hier den politischen Begriff "Germanisierung" des Kaliningrader Gebietes, d.h. Versuche, durch deutsche Bezeichnungen der Bevölkerung tröpfchenweise klarzumachen, dass sie ja eigentlich Königsberger sind und nicht Kaliningrader. Und Königsberg ist eine deutsche Stadt. Und es gibt nicht wenige Leute, die an der Veränderung des Status-Quo arbeiten. Einige davon sitzen gegenwärtig in staatlichem Gewahrsam.

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Re: Eine alte deutsche Stadt?

Beitrag von Wladimir30 » Montag 13. August 2018, 13:42

Tja, irgendwie ja auch wie in Nürnberg. Als Zentrum der Nazis wurde es ja auch komplett zerstört und wurde danach wieder aufgebaut. Dabei sollte das historische Aussehen (immerhin ja eine echte historische Stadt, Dürerstadt etc.) wieder hergestellt werden, wobei die alten Naziüberreste größtenteils geflissentlich "vergessen" wurden. Was ja durchaus verständlich ist. Aber dadurch hat sich auch ein pseudohistorischer Anblick ergeben, der in Nürnberg aber nichtsdestotrotz sehr gut gelungen ist (meine persönliche Meinung).
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Re: Eine alte deutsche Stadt?

Beitrag von m1009 » Montag 13. August 2018, 14:25

Wladimir30 hat geschrieben:
Montag 13. August 2018, 13:42
(meine persönliche Meinung).
Zum Glueck. :blumen:

Ich war neulich mal auf dem zum Parkplatz umfunktionierten Zeppelinfeld.

Befremdlich.

Sehr.

In der seligen SBZ waehre sowas fuer Sprenguebungen der Roten Armee als ideal angesehen worden.

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Re: Eine alte deutsche Stadt?

Beitrag von Wladimir30 » Montag 13. August 2018, 14:29

Ja, da wurde lange überlegt, ob man das komplett sprengen sollte. Da es aber doch außerhalb der Stadt ist, hat man es gelassen. Auch die kleine Tribüne, von der der große Führer seine Reden schwang, ist noch da, und es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man genau da steht. Aber ich meinte wirklich die Stadt, insbesondere die Innenstadt selber. Da wurden dann andere (Speer-) Bauten größtenteils wirklich gespreng, und so entstanden dann schöne Seen mit Grünanlagen mitten in der Stadt, wo man einfach spazieren gehen kann, bummeln etc.
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Re: Eine alte deutsche Stadt?

Beitrag von Norbert » Montag 13. August 2018, 16:17

domizil hat geschrieben:
Montag 13. August 2018, 13:15
Ansonsten kennen wir hier den politischen Begriff "Germanisierung" des Kaliningrader Gebietes, d.h. Versuche, durch deutsche Bezeichnungen der Bevölkerung tröpfchenweise klarzumachen, dass sie ja eigentlich Königsberger sind und nicht Kaliningrader. Und Königsberg ist eine deutsche Stadt. Und es gibt nicht wenige Leute, die an der Veränderung des Status-Quo arbeiten. Einige davon sitzen gegenwärtig in staatlichem Gewahrsam.
Jetzt stehe ich etwas auf dem Schlauch. Wer möchte der Bevölkerung so etwas tröpfenweise klarmachen und wozu?

Und wer möchte den Status-Quo in welche Richtung verändern?

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Re: Eine alte deutsche Stadt?

Beitrag von Jenenser » Dienstag 14. August 2018, 10:43

Norbert hat geschrieben:
Montag 13. August 2018, 16:17
domizil hat geschrieben:
Montag 13. August 2018, 13:15
Ansonsten kennen wir hier den politischen Begriff "Germanisierung" des Kaliningrader Gebietes, d.h. Versuche, durch deutsche Bezeichnungen der Bevölkerung tröpfchenweise klarzumachen, dass sie ja eigentlich Königsberger sind und nicht Kaliningrader. Und Königsberg ist eine deutsche Stadt. Und es gibt nicht wenige Leute, die an der Veränderung des Status-Quo arbeiten. Einige davon sitzen gegenwärtig in staatlichem Gewahrsam.
Jetzt stehe ich etwas auf dem Schlauch. Wer möchte der Bevölkerung so etwas tröpfenweise klarmachen und wozu?

Und wer möchte den Status-Quo in welche Richtung verändern?
Eine hoffentlich spannende Diskussion folgt!

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Re: Eine alte deutsche Stadt?

Beitrag von domizil » Dienstag 14. August 2018, 10:44

Norbert hat geschrieben:
Montag 13. August 2018, 16:17
Jetzt stehe ich etwas auf dem Schlauch. Wer möchte der Bevölkerung so etwas tröpfenweise klarmachen und wozu?
Und wer möchte den Status-Quo in welche Richtung verändern?
... es ist keine Antwort auf Deine Frage. Aber ich stehe etwas unter Stress und kann deshalb nur mit einem etwas humoristischen Beitrag antworten - allerdings ist das Thema sehr ernst und nicht in kurzen Sätzen zu erklären.

https://www.youtube.com/watch?v=qWb5kif0UrU

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Re: Eine alte deutsche Stadt?

Beitrag von Okonjima » Dienstag 14. August 2018, 14:59

^Bei meinem ersten Aufenthalt vor ca. 2 Jahren in Kaliningrad war ich wirklich sehr überrascht, das Königsberg rein als
Bezeichnung noch so präsent ist. Hätte ich anders erwartet oder bin mit Vorurteilen rangegangen!?
Natürlich hat das auch viel mit dem Tourismus zu tun, aber mein Eindruck war, das der normale Bürger kein Problem
mit der deutschen Vergangenheit der Stadt hat, eher sogar wohwollend darauf blickt.
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Re: Eine alte deutsche Stadt?

Beitrag von berlinsky » Dienstag 14. August 2018, 16:12

Also, nachdem wir 3 Wochen im und um den Oblast unterwegs waren, gebe ich jetzt auch mal meinen Senf dazu:
Wir sprechen - teilweise akzentfrei - russisch und konnten uns daher gut mit den Leuten verständigen, was wir auch ausreichend getan haben. Egal, ob Grenze, Privatvermieter, oder einfach Leute, die wir unterwegs getroffen haben.
Mein Eindruck ist, daß sich viele Russen, und auch die offizielle Seite mittlerweile intensiv mit der deutschen Vergangenheit beschäftigen. Sie tun dies nicht aus Zwang oder Angst, sondern weil sie offenbar echtes Interesse daran haben. Und irgendwo -so jedenfalls mein Eindruck -schwingt da auch immer ein bisschen Stolz mit. Egal, ob es der Privatvermieter ist, der sein ehemals deutsches Haus originalgetreu aufgebaut hat, alte "Bauzettel" wie Schätze aufbewahrt und nun versucht, etwas über die Vorbesitzer herauszukriegen, ob es der Sohn von ehemals ausgesiedelten Weißrussen ist, der in einem alten ehemals deutschen Haus geboren ist und sich fast entschuldigt, daß ER nun in dieser, ehemals deutschen Heimat wohnt, ob es die alten Gedenksteine, Tafeln, Denkmäler mit alten deutschen Inschriften sind, die teilweise restauriert und gepflegt werden, oder ob es der unglaublich nette Chauffeur in Kaliningrad mit seinem roten Retromobil auf der Honigbrücke ist. Überall sieht man Motive von alten deutschen Postkarten originalgetreu vergrößert, inkl. deustcher Beschriftung, die die ehemaligen Stadtzentren zeigen. Das unterscheidet den Oblast übrigens von dem polnischen Teil Ostpreussens, wo die Häuser und Kirchen zwar gepflegter sind, aber alles komplett "polnisiert" wurde; d.h. Spuren deutscher Vergangenheit findet man hier kaum noch, und das ist offenbar auch so gewollt. Auch die alten deutschen Namen sind - ebenfalls im Unterschied zum jetzigen Polen - alle irgendwie präsent; Königsberg, Insterburg, Gilge, Labiau, Tilsit, Gumbinnen, Darkemen, Sarkau, Rossitten, Heiligenbeil, und, und, und ... In keiner Stadt muss man hier lange suchen. Von einer "Germanisierung" allerdings, oder "Angst vor einer Germanisierung", wie hier teilweise von Uwe Niemeier beschrieben, habe ich nirgends etwas bemerkt. Was die Russen tun, tun sie freiwillig und aus echtem Interesse und ich denke, sie sind dazu auch souverän genug. Und wenn uns nicht die große Politik immer wieder Stolpersteine in den Weg legen würde, hätte dieses Fleckchen Erde eine -sagen wir mal - wieder positive Zukunft vor sich. Eine spezielle deutsch-russische Zukunft, die auf beiderseitigem Respekt und der Akzeptanz des status quo begründet sein würde...
Vor Insterburg donnerten übrigens Tag und Nacht die MiG´s über unseren Köpfen, bei Ustka hat dann die NATO ihre Militärmanöver abgehalten, in Litauen im Hotel deutsche Soldaten auf Kurz-Urlaub vom NATO-Manöver ...
Naja, es ist ist noch ein Stückchen Weg, bis sich das alles wieder halbwegs "normalisiert". WIR aber kommen wieder ins alte nördliche Ostpreussen - garantiert !



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