Kind zweisprachig erziehen (deutsch und russisch)

Nachhilfeunterricht und Sprachkurse sind in dieser Rubrik zu finden. Hier können auch Eigenarten im Russischen und Deutschen diskutiert werden. Wer Hilfe beim Übersetzen braucht, sollte in diesem Unterforum eine Anfrage stellen.

Moderator: Wladimir30

Roland
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Kind zweisprachig erziehen (deutsch und russisch)

Beitrag von Roland » Dienstag 14. Juli 2015, 02:47

Hallo,

meine russische Frau und ich haben ein Kind, 12 Monate alt. Wir wollen es zweisprachig erziehen, die Frage ist nur, wie am besten?

Ich habe gelesen, Mutter und Vater sollten dazu nur in der jeweiligen Muttersprache mit dem Kind sprechen.

Ich bin berufstätig. Meine Frau ist immer zu Hause und daher viel öfter mit unserem Jungen zusammen. Daher befürchten wir, dass er deutsch schlechter als russisch lernt.

Wir wollen aber, dass die "Hauptsprache" unseres Nachwuchses deutsch wird. Er soll nicht im Kindergarten oder der Grundschule deutsch mit akzent etc. reden.

Wie also zweisprachig erziehen?

Beispielsweise könnte meine Frau 4 Tage die Woche russisch mit ihm sprechen und 3 Tage deutsch.

Oder meine Frau würde bis zum 2. oder 3. Lebensjahr auch nur deutsch mit ihm sprechen und erst ab dann nur russisch.

Was meint ihr bzw. wer hat damit Erfahrungen?



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m1009
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Re: Kind zweisprachig erziehen (deutsch und russisch)

Beitrag von m1009 » Dienstag 14. Juli 2015, 08:56

Ihr wohnt in Deutschland?

Meine russische Schwaegerin und Ihr russischer Mann wohnen mit Ihren 2 (5 und 1Jahr) Kinder in DE, spricht mit Ihren Kindern ausschliesslich Russisch.

Die Grosse kam mit 3 Jahren nach DE, sprach kein Wort Deutsch. Ab in den Kindergarten, nun nach 2 Jahren spricht sie ein ausgezeichnetes und akzentfreies Deutsch, besser als der Vater (5 Jahre Studium, Deutsch 1. Fremdsprache). Macht Euch also nicht zu viele Gedanken, das Deutsche kommt von ganz allein.... ;)
Zuletzt geändert von m1009 am Dienstag 14. Juli 2015, 10:33, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Kind zweisprachig erziehen (deutsch und russisch)

Beitrag von bella_b33 » Dienstag 14. Juli 2015, 10:26

Roland hat geschrieben: Ich bin berufstätig. Meine Frau ist immer zu Hause und daher viel öfter mit unserem Jungen zusammen. Daher befürchten wir, dass er deutsch schlechter als russisch lernt.
Mach Dir da mal keinen Kopf. Die Sprache des Lebensumfeldes, Das bist ja in dem Falle nicht nur Du. Wird das Kind 1000%ig beherrschen und Da Deine Frau ganzzeitlich russisch mit dem Kleinen spricht, wirds an Russischkenntnissen auch nicht mangeln.

Gruß
Silvio
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"Es gibt keinen Haken..."

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Re: Kind zweisprachig erziehen (deutsch und russisch)

Beitrag von Wladimir30 » Dienstag 14. Juli 2015, 10:45

Beispielsweise könnte meine Frau 4 Tage die Woche russisch mit ihm sprechen und 3 Tage deutsch.

Oder meine Frau würde bis zum 2. oder 3. Lebensjahr auch nur deutsch mit ihm sprechen und erst ab dann nur russisch.
Halte ich beides für grundfalsch. Kleine Kinder brauchen Bezugspersonen mit festen Bezugspunkten. Ein wichtiger davon ist die Sprache. Eine bestimmte Person wird mit einer bestimmten Sprache verbunden. Deshalb ist die beste Methode die, dass wirklich eine Person in einer Sprache, und zwar immer in derselben mit ihm spricht. Sonst entsteht ein Kuddelmuddel im Kopf, das erst langsam wieder entwirrt werden muss. Was nicht immer klappt. Ich kenne eine Reihe von Kindern, die beide Sprachen vermischen, die erst lernen müssen, die Sprachen klar zu trennen. Nicht einen Satz im Deutschen anzufangen und im Russischen zu beenden. Oder einen deutschen Satz zu bilden, dann fehlt das nächste Wort, und es wird einfach das entsprechende russische Wort in den Satz eingebaut.

Klar, wenn Du arbeiten bist, die Mama aber zuhause, dann ist das ein Ungleichgewicht, das einfach gegeben ist. Ist dann einfach so. Nicht ideal, aber immer noch besser als die Sprachen zu mischen. Dann wird Deine Sprache (also das Deutsche) sich deutlich langsamer entwickeln. Aber es wird kommen.

Je konsequenter das durchgehalten wird, desto bersser lernen die Kinder.

Noch ein Tipp: eine Sprache ist ja nicht nur ein Verständigungsmittel, sondern in jeder Sprache sind Bilder enthalten, die automatisch, also unbewußt mitverstanden werden. Diese kommen aus der Kultur des Volkes, aus der Literatur (Märchen!) etc. Also deutsche Märchen vorlesen, deutsche Lieder singen etc.pp.
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Re: Kind zweisprachig erziehen (deutsch und russisch)

Beitrag von Axel Henrich » Dienstag 14. Juli 2015, 10:53

Roland hat geschrieben:Wir wollen aber, dass die "Hauptsprache" unseres Nachwuchses deutsch wird. Er soll nicht im Kindergarten oder der Grundschule deutsch mit akzent etc. reden.
Umgang formt den Menschen ... ;)
Als klar war, dass wir zurück nach Deutschland gehen, habe ich das letzte Jahr verstärkt mit Tochter deutsch gelernt/gesprochen Die zwei Monate vor der Einschulung war Sie noch im Kindergarten. Sie hat in diesen 2 Monaten mehr gelernt und sich einen größeren Wortumfang angeeignet, als in dem Jahr zuvor in Russland mit mir ;)
Wie meine Vorgänger schon schrieben, sprechen sie in dem Alter sehr schnell akzentfrei deutsch. Dafür bekommen sie, zumindest war es bei uns so, einen sehr niedlichen Dialekt im "russischen".

-ah-



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Dietrich
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Re: Kind zweisprachig erziehen (deutsch und russisch)

Beitrag von Dietrich » Dienstag 14. Juli 2015, 11:25

Ich würde mir in deiner Stelle auch keine Gedanken machen.
Wir haben bis meine Tochter 3 1/2 war in Moskau gelebt. Meine Frau war zuhause, ich von 7-19 Uhr auf der Arbeit und dann war unsere Tochter auch noch 1 Jahr im russischen Kindergarten. Sie hat also wahrscheinlich 10mal mehr russisch gehört als deutsch.
Trotzdem hat es in D dann vielleicht 4 Monate (im Kindergarten) gebraucht, bis man da keinen Unterschied mehr feststellen konnte.

Worauf ihr achten solltet(*)
- Jeder spricht in seiner eigenen Sprache. Und besteht auch darauf, dass das Kind in der "richtigen Sprache" antwortet. Nicht gleich am Anfang, aber später durchaus.
- Sucht euch möglichst schnell andere Kinder, mit denen sich das Kind treffen und sich unterhalten kann. Natürlich sollte das Kind vor der Schule auch in den Kindergarten gehen, einfach um den Kontakt zu anderen Kindern zu haben
- Sprich mit deinem Kind ganz normal. Keine Kinderprache, kein Türkendeutsch. Rede mit ihm, lies ihm was vor, auch wenn das klassisch vielleicht die Sache von Mama ist. Hier muss halt mal Papa ran.
- Zeigt ihm (natürlich noch nicht jetzt) durchaus mal eine kindgerechte Zeichentrickserie auf KIKA. Auch wenn um euch herum viele TV als Teufelszeug abtun werden.

Und du wirst sehen, das mit dem Deutsch sprechen ist überhaupt kein Problem. Die wird eher deine Frau haben, wenn das Kind irgendwann (fast) nur noch Deutsch sprechen möchte.

(*) wurde teilweise schon genannt.
"Each one hopes that if he feeds the crocodile enough, the crocodile will eat him last."
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Re: Kind zweisprachig erziehen (deutsch und russisch)

Beitrag von Wladimir30 » Dienstag 14. Juli 2015, 12:24

Dietrich hat geschrieben: - Jeder spricht in seiner eigenen Sprache. Und besteht auch darauf, dass das Kind in der "richtigen Sprache" antwortet. Nicht gleich am Anfang, aber später durchaus.
Warum nicht gleich????? Gibt es dafür einen Grund? Klar, helfen muss man da als Elternteil, helfen. Ist viel Arbeit.
- Sprich mit deinem Kind ganz normal. Keine Kinderprache, kein Türkendeutsch. Rede mit ihm, lies ihm was vor, auch wenn das klassisch vielleicht die Sache von Mama ist. Hier muss halt mal Papa ran.
Absolut richtig.
- Zeigt ihm (natürlich noch nicht jetzt) durchaus mal eine kindgerechte Zeichentrickserie auf KIKA. Auch wenn um euch herum viele TV als Teufelszeug abtun werden.
Je mehr das Kind die Sprache aus verschiedenen "Mündern" hört, desto besser. Ja, auch das "Teufelswerk TV" gehört dazu.
Und du wirst sehen, das mit dem Deutsch sprechen ist überhaupt kein Problem. Die wird eher deine Frau haben, wenn das Kind irgendwann (fast) nur noch Deutsch sprechen möchte.
Genau das wird dadurch vermieden, dass jeder Elternteil NUR in seiner Muttersprache mit ihm spricht. Es "weiss" dann einfach, dass mit Papa so, mit Mama eben nur so gesprochen wird. Dann werden beiden Sprachen gleichzeitig lebendig gehalten und sie werden klar getrennt im Kopf der Kinder.
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OlgaP
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Re: Kind zweisprachig erziehen (deutsch und russisch)

Beitrag von OlgaP » Dienstag 14. Juli 2015, 16:24

Man muss dabei auch bemerken, dass die Kinder, die zwei-, dreisprachig (z.B, Russisch (Mama), Deutsch (Papa), plus noch Englisch im Kindergarten) aufwachsen, etwas später anfangen, zu sprechen und zuerst etwas schlechter sprechen, als ihre gleichaltrigen einsprachigen Freude.
Wenn alles gut läuft, sprechen sie dann mit 5-6 Jahren 2-3 Sprachen.
Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass das Kind Deutsch oder Russisch zwar verstehen, aber kaum sprechen kann.

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Dietrich
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Re: Kind zweisprachig erziehen (deutsch und russisch)

Beitrag von Dietrich » Dienstag 14. Juli 2015, 18:13

Wladimir30 hat geschrieben:
Dietrich hat geschrieben: - Jeder spricht in seiner eigenen Sprache. Und besteht auch darauf, dass das Kind in der "richtigen Sprache" antwortet. Nicht gleich am Anfang, aber später durchaus.
Warum nicht gleich????? Gibt es dafür einen Grund? Klar, helfen muss man da als Elternteil, helfen. Ist viel Arbeit.
Naja, wenn die Kinder die ersten Worte sprechen, dann sollte man sich nicht unbedingt "dumm" stellen und das Kind verdursten lassen, nur weil es zwar "chochu pit" kennt, aber "durst" oder "trinken" noch nicht ;-)
Außerdem merkt das Kind ja, dass sich Papa und Mama auch in einer Sprache unterhalten die zumindest für einen von beiden nicht "seine Sprache" ist.

Deshalb sollte man am Anfang einfach akzeptieren, dass sich ein gewisser Grundwortschatz ganz unabhängig entwickelt und das Kind noch nicht alles sofort in beiden Sprachen ausdrücken kann.
Klar, mit Hilfe und Nachfragen kann man natürlich das Kind auch schon recht früh dazu bringen, seine Wünsche in beiden Sprachen zu artikulieren.
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Re: Kind zweisprachig erziehen (deutsch und russisch)

Beitrag von Bluewolf » Dienstag 14. Juli 2015, 19:33

Dem allem kann ich nur zustimmen.

Vasia kam mit 6 nach Deutschland ohne Wortschatz. Heute mit 11 ist er regelmäßig der Klassenbeste in Deutsch, mit einem Hang zu übermäßigem Gebrauch des badischen Dialektes, der sich auch manchmal in seinem Russisch niederschlägt, was wiederum seine Mama in den Wahnsinn treibt ;) Russisch lesen ist gut, Schreiben ist so lala.

Dazu kommt in der Schule Französisch als erste Fremdsprache (Rheinschiene Sonderregelung).

Da ich gemeinsam mit meiner Frau aus Trainingsgründen Englisch als Umgangssprache beibehalten habe (wir wollten auf die Praxis nicht verzichten, da ein Teil unserer Bekannten in Nordamerika lebt und wir öfters mal Skypen), haben sowohl meine eigene 11 jährige Tochter, als auch Vasia bereits jetzt einen ordentlichen Wortschatz. So ähnlich geht es meiner Tochter mit Russisch, dass sie allerdings nicht aktiv spricht, jedenfalls selten.
Beide haben ab der 8. Klasse noch die Möglichkeit Spanisch dazu zu nehmen, dann sind sie 5 sprachig. Das ist ja schon mal eine gute Basis.

In dem Zusammenhang bedauere ich ein wenig unseren Ältesten, der zwar 6 Jahre Deutsch auf einem linguistischen Gymnasium in Russland hatte, aber seinen Schub auch erst mit der Übersiedlung nach Deutschland bekam. Leider auch mit heftigem Dialekteinschlag^^

Wenn ich bedenke wie schnell sich unsere Kids Fremdsprachen aneignen, müssen meine Frau und ich wohl demnächst Mandarin lernen um uns wenigstens manchmal ohne Einmischung unterhalten zu können :shock:

PS:
Am Anfang des gemeinsamen Zusammenlebens hatten wir die Regel "am Tisch auf Deutsch".
Heute bemerke ich gar nicht mehr, wer mich was in welcher Sprache fragt, da antworte ich instinktiv und den Anderen geht es genauso. Ein Quell des Amüsements in öffentlichen Verkehrsmitteln, Babylon lässt grüßen ;)
Nur wenn meine Frau sich "seriös" mit ihren Kids unterhält, erfolgt dies ausschließlich auf Russisch, und das ist auch gut so.



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