Große russische Mathematiker im 21. Jahrhundert

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Axel
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Große russische Mathematiker im 21. Jahrhundert

Beitrag von Axel » Montag 4. Januar 2021, 12:57

Abtrennung aus: viewtopic.php?p=238769#p238769, Norbert, Vize-Admin
paramecium hat geschrieben:
Mittwoch 30. Dezember 2020, 23:18
Hacker: Sind Mathe, Physik und Informatik nicht seit jeher Domänen der Russen?
Sind sie nicht (Zumindest erstere) die Zeit der UdSSR sind lange vorbei.
Der letzte große russische Mathematiker war Grigori Perelman, der noch in Sankt Petersburg lebt.
Der hat aber seinen Abschluss noch zu Zeiten der Sowjetunion gemacht und mit dem derzeitigen Putinrussland nichts am Hut.

Und ja, ich hatte vor paar Wochen hier was anderes gepostet wonach russische Grundschüler besser als deutsche seien, laut Statistik scheint das wohl zu sein, dass deutsche aber russische spätestens ab der Sekundarstufe I. aufholen, zeigen die PISA-Ergebnisse von 2017, veröffentlicht in 2018:
https://www.oecd.org/pisa/Combined_Exec ... A_2018.pdf

Bei Math und Science hat Deutschland die Punkte 500 und 503 und Russland 488 und 478.
Und spätestens ein deutsches Abitur kann man kaum noch mit einem russischen Abschluss der 11. Klasse vergleichen.
IT ist so der einzige Bereich, wo Russen (und Belarussen) noch führen, der Rest sieht düsterer aus.
Wäre es anders, würde man im Jahr 2021 nicht von Ressourcen abhängig sein.



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Re: Große russische Mathematiker im 21. Jahrhundert

Beitrag von m5bere2 » Montag 4. Januar 2021, 12:57

Axel hat geschrieben:
Donnerstag 31. Dezember 2020, 08:21
Der letzte große russische Mathematiker war Grigori Perelman, der noch in Sankt Petersburg lebt.
Ich habe erhebliche Zweifel, dass du qualifiziert bist, über die "größe" von Mathematikern zu urteilen. Mathematik ist breit und vielfältig. Man muss kein Millenium-Problem lösen, um ein großer Mathematiker zu sein. Man darf sich ja schon auch für andere Probleme interessieren.

Darüber hinaus gibt es schon noch andere russische Fieldsmedaillienträger (1994, 1998, 2002, 2006, 2010). Perleman war 2006. Sehe nicht, wieso er der "letzte" gewesen sein soll.
Der hat aber seinen Abschluss noch zu Zeiten der Sowjetunion gemacht und mit dem derzeitigen Putinrussland nichts am Hut.
Es spielt irgendwie keine Rolle, wo der Superhacker seinen Abschnluss gemacht hat, solange er noch arbeitet. ;-)

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Re: Große russische Mathematiker im 21. Jahrhundert

Beitrag von Bobsie » Montag 4. Januar 2021, 12:58

5bere2,
Danke für Deine Ausführungen. Wenn ich Axels Berichte lese, stehen mir meine letzten Haare zu Berge. Woher nimmt der bloß seine "aufschlussreichen” Informationen?

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Re: Große russische Mathematiker im 21. Jahrhundert

Beitrag von m5bere2 » Montag 4. Januar 2021, 12:58

Was "Putinsche" Mathematiker betrifft: Alex, die unter Putin ausgebildeten Mathematiker sind im Moment gerade mal 30 Jahre alt. Ich sage dir mal, wie es vor Ort aussieht: ich bin 35, meine Generation fehlt in der russischen Wissenschaft komplett. Das ist die Generation, die in den 90ern aufgewachsen ist und zur Schule ging, als Wissenschaftler Pfandflaschen sammeln mussten.

Meine Generation fehlt, es gibt aber viele ältere Kollegen (sowjetische Mathematiker) und viele sehr fähige jüngere Kollegen, die sogar die Resultate ihrer Bachelor-Arbeiten in den angesehensten Fachzeitschriften publizieren. Warum gibt es wieder Nachwuchs? Weil es jetzt wieder Perspektiven für junge Wissenschaftler gibt. Man kann viel im russischen Bildungswesen kritisieren (das mache ich auch, aber nicht in Foren, sondern bei den dafür zuständigen Stellen wie dem Bildungsminister). Aber man hat dafür gesorgt, dass man als junger Wissenschaftler (insb. Mathematiker) wieder seinen Lebensunterhalt sichern kann, sogar eine Wohnung kaufen, und gleichzeitig Forschung betreiben. Von meinen Mitarbeitern zieht es keinen ins Ausland, weil sie hier gut bezahlt werden und international konkurrenzfähige Resultate erzielen und weil wir hier etwas Neues aufbauen (lies: hier ist es interessant und man hungert auch nicht). Dieser Nachwuchs ist aber erst um die 20-30 Jahre alt. Bis wir unter diesen Fieldsmedaillienträger sehen werden, müssen schon noch 10 Jahre vergehen.

Und Alex, sei ehrlich, würdest du Perelman überhaupt kennen, wenn er die Fieldsmedaillie nicht ausgeschlagen hätte? Kennst du denn die Fieldsmedaillienträger nach ihm und vor ihm? Sein Nachfolger Smirnov arbeitet zwar in der Schweiz, hat aber z.B. in Petersburg eine neue Forschungsgruppe aufgebaut mit Förderung der RF. Mit dieser Gruppe arbeiten wir auch zusammen. Er hat was Bleibendes geschaffen. Perelman hat nicht einen einzigen Studenten oder Doktoranden...

Und letztendlich ist für die IT- und Hackerkonkurrenzfähigkeit ;-) nicht entscheidend, wievele Spitzenmathematiker man hat, sondern wie es um die mathematische Bildung im Mittel so steht. Und hier vergleichen wir Deutschland, wo man sich damit rühmt, schlecht in Mathematik zu sein, und Russland, wo Mathematik eine angesehene Wissenschaft ist. Und ich sehe auch nicht, wo mich Putin stört, gewissenhaft meinem Lehrauftrag nachzugehen. Wenn Dozenten schlecht lehren und die Studenten bei Prüfungen betrügen lassen, dann sind die Dozenten schuld, und nicht ein Präsident. Ich mache meine Arbeit ordentlich, egal was die da in Moskau treiben. Wenn man selber seine Arbeit nicht ordentlich macht, braucht man nicht auf Putin schimpfen.

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Re: Große russische Mathematiker im 21. Jahrhundert

Beitrag von kamensky » Montag 4. Januar 2021, 12:59

Was ich an der ganzen Sache nicht verstehe, ist der Fakt, welcher sich teilweise durch viele hohere und spezialisierte Berufsgattung besteht und bewegt, das fehlen Seitens des russischen Staats zum Rueckhalt solcher faehigen Berufsspezialisten. Der Kreml investiert viel lieber Billionen von Rubel in marode und absolut ineffiziente staatliche Unternehmen und blockiert somit sehr oft die Innovation. Anstatt diese maroden Unternehmen einst auszumisten, oder total neu zu und mit wirklich faehigen Leuten ( es gibt aussreichend russische Buerger davon und weltweit) zu besetzen. Seit nun bald 20 Jahren jedoch duempelt und siecht das alte UdSSR - System so vor sich hin, doch die Zustaendigen sprechen und versprechen seit jener Zeit von "Durchbruch", aber wo ist und bleibt dieser, wenn man einmal von den taeglichen "Wasserleitungs"durchbruechen" absieht? Auch offene HQ Arbeitsplaetze gibt es eigentlich ausreichend in RU, doch meist koennen diese von Einheimischen "noch "nicht besetzt werden (oft Mangels KnowHow) , oder aber jene Russen/innen (ledig, leiert, verheiratet) die eine aehnliche Arbeitsstelle im Westen innehaben, strecken alle ihre Haende und Fuesse gegen einen Arbeitsort in der RF. Auch mit 150% Gehaltszahlung (natuerlich macht Geld allein nicht gluecklich) gegenueber in EU, oder CH will sich so gut wie Niemand nach und in das Heimatland zurueck verirren! Woran liegt es?
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Re: Große russische Mathematiker im 21. Jahrhundert

Beitrag von m5bere2 » Montag 4. Januar 2021, 12:59

Ja, es ist sehr schwer, Leute nach Novosibirsk zu locken. Nach Moskau und Petersburg geht es offenbar noch. Meine Erfahrung ist folgende: wenn jemand nicht sowieso an Sibirien interessiert ist, dann kommt er hier nicht arbeiten, egal wieviel du ihm bezahlst. Wenn er interessiert ist, kommt er notfalls sogar mit seiner eigenen Förderung. Es gibt da irgendwie Sibirien-Typen und Nicht-Sibirien-Typen. Für die, die kommen, ist es eine gewisse Abenteuerlust hier zu leben, aber auch etwas aufzubauen, was man sie woanders nicht machen ließe.

Aber alles in allem ... es kommt kaum einer her. Oft habe ich mehr Geld, als ich Leute zum Bezahlen habe. Was aber häufig vorkommt, sind Angebote zu gemeinsamen Forschungsprojekten. Ist nicht selten so, dass sie auf Initiative aus dem Ausland zu Stande kommen. Zur Zeit haben wir ein gemeinsames DFG-RFFI-Projekt, jetzt arbeiten wir an Anträgen zwischen RNF und Österreich und Frankreich. Was (dank Corona) jetzt häufig vorkommt: wir werden auf Vorträge nach Moskau, Petersburg und Europa eingeladen. Sonst hätte man ja immer hinfliegen müssen ... und eben dass Moskauer Studenten sich Betreuer in Novosibirsk suchen. Das gab es vor Corona auch nicht. :-)

Und an dem Personenmangel arbeite ich gerade ...

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Re: Große russische Mathematiker im 21. Jahrhundert

Beitrag von kamensky » Montag 4. Januar 2021, 12:59

m5bere2 hat geschrieben:
Donnerstag 31. Dezember 2020, 19:38
Ja, es ist sehr schwer, Leute nach Novosibirsk zu locken. Nach Moskau und Petersburg geht es offenbar noch.
Zusammenfassend koennen wir also sagen, dass eine Aussage haltbar ist, dass es sich nicht einfach gestaltet arbeitswillige Menschen (vom Ottonormali bis hin zum Spezialisten) nach Russland zu locken.
m5bere2 hat geschrieben:
Donnerstag 31. Dezember 2020, 19:38
Meine Erfahrung ist folgende: wenn jemand nicht sowieso an Sibirien interessiert ist, dann kommt er hier nicht arbeiten, egal wieviel du ihm bezahlst.
Also sind vielfach "blaue Augen und eine gute Figur" auch nicht ausreichend um jemanden zum Individualisten fuer Russland zu gewinnen?
m5bere2 hat geschrieben:
Donnerstag 31. Dezember 2020, 19:38
Es gibt da irgendwie Sibirien-Typen und Nicht-Sibirien-Typen. Für die, die kommen, ist es eine gewisse Abenteuerlust hier zu leben, aber auch etwas aufzubauen, was man sie woanders nicht machen ließe.
Meine Meinung: Wo ein Wille ist, findet sich auch immer einen Weg um sich Etwas gewuenschtes, wenn nicht Laender-, Religions- oder Kulturspezifisch abhaengig, aufzubauen und sich zu verwirklichen.
m5bere2 hat geschrieben:
Donnerstag 31. Dezember 2020, 19:38

Aber alles in allem ... es kommt kaum einer her.
Aehnliches hatten wir ja schon!! Was aber in all deinen Aussagen, Erfahrungen usw. fehlt ist eine Begruendung, oder das Warum und Weshalb? Fuer die Stechmuecken in Sibirien gibt es sicherlich ein heimisches und altbewaehrtes Gegen- bzw Hausmittel, oder einen chemischen Schutz. Gegen die Kaelte im Winter in Sibirien, gibt es sicherlich dementsprechende Kleidung und Schuhe. Gegen "huebsche , blaue Augen und meist gute Bodys" gibt es sicherlich haufenweise Alternativen und dies weltweit inklusive Russland. Aber was zum Teufel ist es den, dass sich westliche Ottonormalis, wie auch Spezialisten von Russland abwenden, oder zumindest fern bleiben? Das muesste doch einmal vertieft recherchiert und analysiert werden.
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Re: Große russische Mathematiker im 21. Jahrhundert

Beitrag von m5bere2 » Montag 4. Januar 2021, 13:00

kamensky hat geschrieben:
Donnerstag 31. Dezember 2020, 22:01
Aber was zum Teufel ist es den, dass sich westliche Ottonormalis, wie auch Spezialisten von Russland abwenden, oder zumindest fern bleiben?
Ich würde das gar nicht an westlichen Ottonormalis fest machen. Ich behaupte sogar, es ist einfacher, jemand aus dem Westen nach Novosibirsk zu locken, als jemanden aus Moskau, St. Petersburg oder Vladivostok. Und da ist sicher das Klima ein wesentlicher Faktor. Klar gibt es Mittel gegen Mücken und Frost. Aber wenn ich unter Palmen in mildem Klima arbeiten kann, warum soll ich mich dann um Walenki und Insektenschutzmittel kümmern? ;)

Daran, dass es hier keine interessante Wissenschaft gibt, scheint es jedenfalls offenbar nicht zu liegen, da man ja mit uns arbeitet, und zwar oft auf Basis von externer Initiative.

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Große russische Mathematiker im 21. Jahrhundert

Beitrag von Tonicek » Mittwoch 20. Januar 2021, 22:14

Axel hat geschrieben:Sind sie nicht (Zumindest erstere) die Zeiten der UdSSR sind lange vorbei.
Ja, schade! Erinnere mich noch an die Zeit, als man für 1 Rubel 3 MdN hinlegen mußte . . .
Rußland ist nicht die TITANIC. Rußland ist der Eisberg! [ Gerd Ruge ]

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