Russophilie - Russophobie

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scandec
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Russophilie - Russophobie

Beitrag von scandec » Samstag 27. Oktober 2018, 11:36

Hej @lle!
Ich bin neulich über das Wort Russophilie gestolpert, weiss nicht mehr wo und habe dann bisschen danach gegoogelt. Da ist in vielen Artikeln die Rede von "naiver Russophilie" der Deutschen - das Wort Putinversteher ist dann nicht mehr weit.
Sollte man dieses Wort überhaupt verwenden und wenn, in welchem Zusammenhang? -philie und -phobie sind ja wie Weiss und Schwarz ohne Zwischentöne, und aus diesen besteht ja wohl das Meiste im Leben.
Grüsse aus Stockholm



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Re: Russophilie - Russophobie

Beitrag von Wladimir30 » Samstag 27. Oktober 2018, 12:03

Ich empfinde die -philie nicht als Teil einer Schwarz- Weissweltsicht, sondern als starke Tendenz.

Russophilie ist nicht unbedingt und nur politisch zu verstehen. Der Putinversteher kann, muss deshalb beileibe nicht kongruent sein damit.
Jon Snow knew nothing - Now he knows everythig..... And the big battle is over

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Re: Russophilie - Russophobie

Beitrag von Wladimir30 » Samstag 27. Oktober 2018, 14:09

Noch als Verdeutlichung. Es gibt ja hier auch in diesem Forum Leute, die russophil sind, also Land und Leute sehr mögen, die aber alles andere als Putinversteher sind, sondern, um in diesem Jargon zu bleiben, absolute Putinhasser sind.
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willi
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Re: Russophilie - Russophobie

Beitrag von willi » Donnerstag 17. Januar 2019, 13:31

Finde am Wort "Putinversteher" erstmal nichts negatives.
Wenn man sich mal in ein paar deutschen Foren wie Spiegel/ Zeit/ Welt umschaut, stellt man schnell fest, dass dort etliche Leute die Fahnen hochhalten, die noch nie den Weisswurstäquator überschritten haben, an denen auch vorbeigegangen ist das Stalin schon tot und die UdSSR auch nicht mehr existent ist.
Noch nicht lange her ist ein Arbeitskollege ( Grünenwähler) komplett ausgerastet, hat mit Schaum vor dem Mund erklärt, dass in Russland die Leute auf der Strasse verhungern, im Gulag vegetieren und alle anderen mit der Kalaschnikov unterm Bett auf das Signal warten um das Baltikum und Polen zu überrennen. Dazu noch Diktatur, Meinungsfreiheit, Menschenrechte, industrieloser Bauernstaat, Aggressor, Krim..., das ganze Programm eben.
So gesehen reicht es bei vielen schon aus nicht russophob zu sein um als Putinversteher eingeordnet zu werden, bist du nicht weiss dann kannst du nur schwarz sein.

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Re: Russophilie - Russophobie

Beitrag von m5bere2 » Donnerstag 17. Januar 2019, 13:57

willi hat geschrieben:
Donnerstag 17. Januar 2019, 13:31
alle anderen mit der Kalaschnikov unterm Bett auf das Signal warten um das Baltikum und Polen zu überrennen.
Na immerhin muss ich jedes Jahr bei meinem Arbeitgeber zur Abteilung für Mobilisierung und die Aktualität meiner Daten prüfen lassen. ;) So wie alle anderen russischen Männer unter 50 auch.



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Re: Russophilie - Russophobie

Beitrag von saransk » Donnerstag 17. Januar 2019, 14:32

das gehört ja schon fast ins politische Forum :?
willi hat geschrieben:
Donnerstag 17. Januar 2019, 13:31
dass in Russland die Leute auf der Strasse verhungern, im Gulag vegetieren und alle anderen mit der Kalaschnikov unterm Bett auf das Signal warten um das Baltikum und Polen zu überrennen. Dazu noch Diktatur, Meinungsfreiheit, Menschenrechte, industrieloser Bauernstaat, Aggressor, Krim..., das ganze Programm eben
Das Bild, welches Du hier zeichnest, beruht ja zum größten teil auf einer falschen oder einseitigen Berichterstattung in den entsprechenden Medien, und meistens dann auch noch von Schreiberlingen, welche noch nie selbst in Russland waren. Wobei je nach politischem Standort/politischer Gewichtung einiges dann sehr wohl zutreffend ist (Krim, Donbass, Meinungsfreiheit).

Zudem ist es doch so, das diese Art von Patriotismus, welcher in Russland ganz selbstverständlich ist, im Westen (Vor allem in Deutschland, Österreich oder den skandinavischen Ländern) völlig unbekannt ist oder vehement abgelehnt wird. Wagt man es aber, quasi als Ausgleich, einmal einen Blick in russische Auslands-Medien wie Sputnik oder rt-deutsch zu werfen, bekommt man (besonders bei den Kommentaren) das blanke Grausen. Hier ist das Wort Putinversteher dann wahrscheinlich noch zu harmlos.

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Re: Russophilie - Russophobie

Beitrag von Norbert » Donnerstag 17. Januar 2019, 14:53

Das Problem ist halt, dass es sehr schwierig ist, die Dinge nüchtern zu betrachten. Selbst wenn man jemandem in Deutschland erläutert, warum in Russland Putin wirklich gewählt wird, steht man oft vor Extremen: Völlige Ungläubigkeit (bis hin zu Schaum vor dem Mund) bis zu blanker Bewunderung ("Putin hört noch auf sein Volk). Dass man ein Land verstehen kann, ohne dass man die Aktionen für gut hält - diese Option ist leider rar geworden. Insbesondere in der Politik und Presselandschaft.

So würde ich aber das Wort "Versteher" an sich gern sehen, und so würde ich mich auch einordnen.

Natürlich muss man auch die Polen, Westukrainer und Balten verstehen, die in der Geschichte nicht nur gute Erfahrungen gemacht haben und nun sehen, wie schwuppdiwupp die Krim russisches Territorium wurde. Ja, auch wenn ich die russische Position verstehe, halte ich die Ängste in Osteuropa nicht für absurd. Auch diese muss man verstehen.

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Re: Russophilie - Russophobie

Beitrag von Wladimir30 » Donnerstag 17. Januar 2019, 15:14

Das Problem ist halt, dass es sehr schwierig ist, die Dinge nüchtern zu betrachten.
Du erklärst im Anschluß daran ja selber, dass es eigentlich nicht möglich ist, diese Dinge überhaupt nüchtern zu betrachten. Jeder hat seinen Standpunkt, und aus seiner inneren Logik heraus haben zumindest die meisten ja auch recht. Es macht sich nur halt kaum jemand die Mühe, diese innere Logik der anderen zu verstehen. Dieses ist in der Tat ja auch sehr schwierig, da hierzu die historischen Hintergründe beachtet werden müssen (was noch relativ einfach geht) als auch die kulturhistorischen (schon schwieriger) als auch die gesistesgeschichtlichen (sehr komplex). Und je weiter man hinabsteigt in diese Niederungen, desto verwickelter wird es, desto weniger lassen sich Dinge fest einordnen und kategorisieren, da sie immer tiefer ins nicht Bewußte gehen. Und hier kommt dann das größte Problem, je weniger es bewußt wird, desto größer werden die Emotionen. Diese haben ebenfalls ihre Berechtigung (ist ja in Deutschland nicht anders, und "wir" bestehen ja auch darauf, diese doch zu berücksichtigen). Nur kommt man hierbei von einer nüchternen Betrachtungsweise immer weiter weg. Sprich sie wird per se geradezu unmöglich.

Wieviele Untersuchungen, Seminare, Kongresse, Podiumsdiskussionen wurden hierzu schon geführt. Wenn es denn eine nüchterne Betrachtung gäbe, sie wäre schon längst gefunden worden.
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Re: Russophilie - Russophobie

Beitrag von Norbert » Donnerstag 17. Januar 2019, 15:30

Aber als Deutsche sind wir so weit weg, dass wir durchaus etwas nüchterner darauf schauen könnten. Ich erwarte das ja jetzt nicht von einem Balten.

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Re: Russophilie - Russophobie

Beitrag von saransk » Donnerstag 17. Januar 2019, 15:37

Einen Nachbrenner habe ich dann noch.

Im Gegensatz zu vielen "Europäischen" Ländern haben die Russen ihre PR-Abteilung noch im Griff. Als wenn es Putin wirklich ums "verstehen" ginge. da wird einfach ein riesiger Hype um ihn aufgebaut, wo dem "einfachen" Volk gezeigt wird, das der Präsident sich um alles im Land kümmert, und auch für die Nöte der Normalsterblichen Verständnis hat. Die jährliche Folkloreveranstaltung ist doch nur ein Beispiel dafür. Aber in Russland glauben halt immer noch viele Menschen(auch in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis) das dort jeder anrufen kann, und dem Präsidenten dann live von kaputten Straßen, ausbleibenden Löhnen oder korrupten Beamten berichten darf.
Der nächste Schritt ist dann der Satz: "Wenn das der Präsident wüsste". So ähnlich hat es vor 80 Jahren auch in Deutschland mal geklungen.

Das ganze Dilemma unterschiedlicher Denkweisen zeigte und zeigt sich doch, wenn man die Entwicklung der Krim oder des Donbas sowie der Situation russischer Minderheiten in Polen, dem Baltikum oder Moldawien betrachtet. Während im westlichen Denken die Verbindlichkeit und Unantastbarkeit von Verträgen und auch die Souveränität der Staaten an erster Stelle steht, sieht die russische Seite/Bevölkerung das Wohl und Glück der eigenen Landsleute als wichtiger an, welche jederzeit einen Vertragsbruch oder militärische Aktionen, auch in anderen Ländern rechtfertigen würde.
Zudem gibt es ja auch das Selbstverständnis (wie bei den Amerikanern übrigens auch) das die Russische Nation, Kultur und die Menschen allen anderen der Welt überlegen seien. Und dann feiert man den Sieg über den Faschismus. Auch so ein Wort, was in Russland eine ganz andere Bedeutung hat, als in vielen anderen Ländern.



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