Ein Hektar in Ostsibirien / Ferner Osten Russlands

Hier kann alles diskutiert werden, dass in die anderen Unterforen nicht passt. Aber bitte keine politische Diskussion anzetteln, dafür ist das Politikforum da.

Moderator: Admix

Benutzeravatar
Norbert
Vize Admin
Vize Admin
Beiträge: 11896
Registriert: Freitag 30. Juni 2006, 11:25
Wohnort: Nowosibirsk, Dresden
Kontaktdaten:

Re: Ein Hektar in Ostsibirien / Ferner Osten Russlands

Beitrag von Norbert » Freitag 3. Juni 2016, 11:51

Hier rund um Novosibirsk sind solche Retortendörfer noch ein Trend. Irgendein Investor hat eine Wiese gekauft, knallt ein paar Straßen rein und Stromkabel. Je nach Preislage gibt es auch noch Gas und Wasser, ganz selten Kanalisation. Vereinzelt wird in der Mitte ein Spielplatz gebaut und ein Pendelbus zur nächsten Elektrischka eingerichtet.

Dann baut sich jeder auf seinen 300 bis 600 qm ein Häuschen.

Aber vollkommen unklar sind die Verkehrsprobleme am Stadtrand, denn die Ausfallstraßen sind für solche Ströme nie gebaut worden. Die Leute brauchen mindestens zwei Autos, Kinder müssen überall hingefahren werden, denn Schulen und Kindergärten fehlen vor Ort.

Das hat aber in meinen Augen nichts mehr mit Dorf zu tun. Das ist lieblose Retorte.



Benutzeravatar
Wladimir30
Globaler Moderator
Globaler Moderator
Beiträge: 4394
Registriert: Dienstag 7. Oktober 2014, 11:14
Wohnort: Celle / Wladimir

Re: Ein Hektar in Ostsibirien / Ferner Osten Russlands

Beitrag von Wladimir30 » Freitag 3. Juni 2016, 11:58

Zunächst einmal einen herzlichen Glückwunsch nach Nizhnij Novgorod!!! Es hat mich riesig gefreut zu lesen, was sich da tut.

In Wladimir gehen die Uhren - mal wieder - etwas langsamer. Viele, die sich aufs Land begeben wollen, kaufen eine Datscha in einer der vielen Datschensiedlungen und bauen diese aus. Mir unverständlich, wie und warum, weil dort meist nur 6, manchmal sogar nur 4 Ar zur Verfügung stehen, die Nachbarn links, rechts, vorne und hinten also direkt auf der Pelle sitzen. Dennoch werden diese manchmal recht pompös ausgebaut. Sehr sehr häufig von Moskauern, wodurch natürlich klar ist, dass dies nur zu Erholungszwecken genutzt wird.

In unserem Dorf (insgesamt nur 23 Häuser) wohnt seit letztem Jahr ein Rentnerehepaar aus Moskau. Deren Sohn wohnt auch da, er pendelt auch. Für Kindergärten und ähnliche Einrichtungen ist das Dorf mit 23 Häusern natürlich zu klein. In den letzten paar Jahren wurden aber die letzten Grundstücke, die ausgewiesen waren und zum Verkauf standen, alle verkauft, und es wird gebaut. Die Tendenz, wieviel Leute dort richtig wohnen werden, steigt also. Immerhin.

Aus andeen Dörfern hier in der Gegend weiß ich nur, dass sie alle nach und nach wiederbelebt werden. Mit Arbeit direkt in den Dörfern ist es nicht so weit her.

Saboteur und Norbert haben so gesehen natürlich recht. Es sind weniger die Dörfer im klassischen Sinne mit reiner Selbstversorgung, und wenn Saboteur hier "schwarz sieht" hat er wohl recht. Aber ich sehe das so, dass die Entwicklung eben auch in Russland weiter geht. Ein Städterleben auf dem Dorf zu führen, was ist daran schlecht? Es können sich auch immer mehr Leute leisten, nicht nur die Wohlhabenden. Der Standard der Häuser ist natürlich abhängig von den finanziellen Möglichkeiten, aber die Tendenz geht eindeutig in diese Richtung. Das alte "Dorfmodell" stirbt tatsächlich aus, und damit auch ein Teil der Romatik, die mit dem Begriff des Dorfes verbunden wird. Dieser ist eigentlich tief russisch und wurde ja auch in der Literatur oft beschrieben. Es gab ja sogar die Epoche der Dorfprosa, oder einzelne Heroen wie Turgenev beispsielsweise haben dieses Dorfleben sprachgewaltig verherrlicht. Aber diese Phase geht eben vorbei. Man kann nun dem Vergangenen nachweinen oder das Neue begrüßen.
Jon Snow knew nothing - Now he knows everythig..... And the big battle is over

Benutzeravatar
Wladimir30
Globaler Moderator
Globaler Moderator
Beiträge: 4394
Registriert: Dienstag 7. Oktober 2014, 11:14
Wohnort: Celle / Wladimir

Re: Ein Hektar in Ostsibirien / Ferner Osten Russlands

Beitrag von Wladimir30 » Freitag 3. Juni 2016, 12:03

Norbert hat geschrieben:Das hat aber in meinen Augen nichts mehr mit Dorf zu tun. Das ist lieblose Retorte.
Jein. Es kommt darauf an, was die Bewohner daraus machen. Inwieweit wird ein Zusammenhalt der Bewohner von diesen selber gewünscht und auch erreicht? Oder leben sie nach denselben Regeln wie in der Stadt (liebloses Nebeneinander)? Es gibt ja eine Fernsehserien darüber, wie solch ein Retortendorf errichtet wurde und wie die Leute versuchten, sich doch irgendwie zusammenzufinden, was aber nicht so recht klappte, weil die städtische Sozialisierung dies verhinderte. Wenn es so ist, dann hast Du mit Sicherheit recht. Das ist dann wirklich eine lieblose Retorte.

Sprich es hängt viel von den Bewohnern selber ab, inwieweit sie willens und in der Lage sind, sich auf die dörflichen Besonderheiten einzulassen.
Jon Snow knew nothing - Now he knows everythig..... And the big battle is over

kamensky
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 1672
Registriert: Montag 13. April 2009, 07:52
Wohnort: 620100 Ekaterinburg / CH-8200 Schaffhausen

Re: Ein Hektar in Ostsibirien / Ferner Osten Russlands

Beitrag von kamensky » Freitag 3. Juni 2016, 12:36

Das hat aber in meinen Augen nichts mehr mit Dorf zu tun. Das ist lieblose Retorte.
Genau wie hier in der Umgebung von Eburg. Doerfer sind fuer mich autonom gefuehrte Wohnsiedlungen mit saemtlichen Berufsgattungen, welche es einem ermoeglichen mit Grundlebensmittel (Baecker, Metzger, Milchmann usw.) und Grundbedarf, also auch Arbeit in diversen Sphaeren (Elektriker, Schreiner, Spengler, Sanitaer, Kaminfeger, Arzt- und Zahnarztpraxis und bei Bedarf auch noch 1, 2 Restaurants ) einzudecken, ohne das Dorf zu verlassen. Noch besser, wenn es da noch eigene (minimum Kindergarten und Grundschule) gibt.
ATTN @all: Ich bin weder der Verfasser noch ein Redaktionsmitarbeiter von der/den vorstehenden Verlinkung/en.

Benutzeravatar
Wladimir30
Globaler Moderator
Globaler Moderator
Beiträge: 4394
Registriert: Dienstag 7. Oktober 2014, 11:14
Wohnort: Celle / Wladimir

Re: Ein Hektar in Ostsibirien / Ferner Osten Russlands

Beitrag von Wladimir30 » Freitag 3. Juni 2016, 12:38

kamensky hat geschrieben:Doerfer sind fuer mich autonom gefuehrte Wohnsiedlungen mit saemtlichen Berufsgattungen, welche es einem ermoeglichen mit Grundlebensmittel (Baecker, Metzger, Milchmann usw.) und Grundbedarf, also auch Arbeit in diversen Sphaeren (Elektriker, Schreiner, Spengler, Sanitaer, Kaminfeger, Arzt- und Zahnarztpraxis und bei Bedarf auch noch 1, 2 Restaurants ) einzudecken, ohne das Dorf zu verlassen. Noch besser, wenn es da noch eigene (minimum Kindergarten und Grundschule) gibt.
Wo gibt es denn solche Dörfer????? Nicht nur in Deutschland kenne ich keine solchen Dörfer, hier schon gleich gar nicht.
Jon Snow knew nothing - Now he knows everythig..... And the big battle is over



kamensky
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 1672
Registriert: Montag 13. April 2009, 07:52
Wohnort: 620100 Ekaterinburg / CH-8200 Schaffhausen

Re: Ein Hektar in Ostsibirien / Ferner Osten Russlands

Beitrag von kamensky » Freitag 3. Juni 2016, 12:44

Wladimir30 hat geschrieben:
kamensky hat geschrieben:Doerfer sind fuer mich autonom gefuehrte Wohnsiedlungen mit saemtlichen Berufsgattungen, welche es einem ermoeglichen mit Grundlebensmittel (Baecker, Metzger, Milchmann usw.) und Grundbedarf, also auch Arbeit in diversen Sphaeren (Elektriker, Schreiner, Spengler, Sanitaer, Kaminfeger, Arzt- und Zahnarztpraxis und bei Bedarf auch noch 1, 2 Restaurants ) einzudecken, ohne das Dorf zu verlassen. Noch besser, wenn es da noch eigene (minimum Kindergarten und Grundschule) gibt.
Wo gibt es denn solche Dörfer????? Nicht nur in Deutschland kenne ich keine solchen Dörfer, hier schon gleich gar nicht.
Also im sueddeutschen Raum findest du genuegend, wie auch in der Schweiz. Es kommt aber darauf an auf was du anspielst.
ATTN @all: Ich bin weder der Verfasser noch ein Redaktionsmitarbeiter von der/den vorstehenden Verlinkung/en.

Benutzeravatar
Dietrich
Globaler Moderator
Globaler Moderator
Beiträge: 7826
Registriert: Mittwoch 25. Februar 2004, 13:54
Wohnort: Wiesbaden

Re: Ein Hektar in Ostsibirien / Ferner Osten Russlands

Beitrag von Dietrich » Freitag 3. Juni 2016, 12:59

Wladimir30 hat geschrieben:
kamensky hat geschrieben:Doerfer sind fuer mich autonom gefuehrte Wohnsiedlungen mit saemtlichen Berufsgattungen, welche es einem ermoeglichen mit Grundlebensmittel (Baecker, Metzger, Milchmann usw.) und Grundbedarf, also auch Arbeit in diversen Sphaeren (Elektriker, Schreiner, Spengler, Sanitaer, Kaminfeger, Arzt- und Zahnarztpraxis und bei Bedarf auch noch 1, 2 Restaurants ) einzudecken, ohne das Dorf zu verlassen. Noch besser, wenn es da noch eigene (minimum Kindergarten und Grundschule) gibt.
Wo gibt es denn solche Dörfer????? Nicht nur in Deutschland kenne ich keine solchen Dörfer, hier schon gleich gar nicht.
Das sind auch schon eher kleine Städte (ab 5000 EW), die er da beschreibt. Ein Dorf ist eher eine meist historisch gewachsene Wohnsiedlung in der Nähe einer (größeren) Stadt. Kindergärten mag es da ab 1000 Einwohner aufwärts noch geben, für eine funktionierende (Grundschule) sollten es aber schon an die 7000-8000 sein, damit die wenigstens 2 oder 3zügig laufen kann.
Aus meiner Erfahrung hier gibt es jede Menge Handwerker, da es die eher ins die ländliche Umgebung zieht, ein (kleiner) Supermarkt lohnt auch erst so ab 5000 Einwohner (sonst eher Hofläden für die wichtigsten Lebensmittel) und Ärtze etc. sind auch immer problematisch, weil die übliche Wartezimmerklientel zwischen 70 und 80 zwar viel Zeit kostet, mit ihren Wehwehchen aber kaum Geld einbringt.
Zahnarzt gibt es hier auch nur eine Praxis für 3 Vororte zusammen (10k Einwohner).
Das hier auch das kleinste Dorf Strom, Wasser und Kanalisation hat, ist wahrscheinlich eine deutsche Besonderheit, möglicherweise auch in der Schweiz. Aber bei einer Fahrt durch französische Dörfer z.B. sieht das teilweise schon ganz anders aus.
"Each one hopes that if he feeds the crocodile enough, the crocodile will eat him last."
W. Churchill (1940)

kamensky
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 1672
Registriert: Montag 13. April 2009, 07:52
Wohnort: 620100 Ekaterinburg / CH-8200 Schaffhausen

Re: Ein Hektar in Ostsibirien / Ferner Osten Russlands

Beitrag von kamensky » Freitag 3. Juni 2016, 13:24

@ Dietrich
Das hier auch das kleinste Dorf Strom, Wasser und Kanalisation hat, ist wahrscheinlich eine deutsche Besonderheit, möglicherweise auch in der Schweiz. Aber bei einer Fahrt durch französische Dörfer z.B. sieht das teilweise schon ganz anders aus.
Sicherlich nicht falsch deine Aussage, doch siehe Bsp.

1x D

https://de.wikipedia.org/wiki/Erzingen_%28Klettgau%29

1x CH

https://de.wikipedia.org/wiki/Neunkirch

Beides kleiner Gemeinden bzw. Doerfer. Natuerlich gibt es auch in den vorgenannten Beispielen "Pendler". Aber es wird sehr viel investiert, damit das einheimische Gewerbe (meinetwegen Grundgewerbe) bestehen bleibt. Viele der kleinen Gemeinden investieren in neue Klein- bzw. Gewerbezonen. Schulhaeuser werden teilweise zusammengelegt (verstaendlich das dies in RU beinahe unmoeglich ist infolge anderer Distanzen). Immer oefter sieht man auch, dass Gemeinden fusionieren.

Links nachträglich korrigiert. Norbert, Vize-Admin
ATTN @all: Ich bin weder der Verfasser noch ein Redaktionsmitarbeiter von der/den vorstehenden Verlinkung/en.

Benutzeravatar
Wladimir30
Globaler Moderator
Globaler Moderator
Beiträge: 4394
Registriert: Dienstag 7. Oktober 2014, 11:14
Wohnort: Celle / Wladimir

Re: Ein Hektar in Ostsibirien / Ferner Osten Russlands

Beitrag von Wladimir30 » Freitag 3. Juni 2016, 14:42

kamensky hat geschrieben: Es kommt aber darauf an auf was du anspielst.
Genau auf das, was Dietrich sehr schön mit Zahlen unterlegt hat.

Das Fusionieren von mehreren Dörfern machen die Dörfer in DEU ja auch nicht unbedingt freiwillig, ebensowenig wie das Eingemeinden zu größeren Städten. In Russland ist die Struktur der Gemeinden ja grundsätzlich eine andere, ich wüßte nicht, ob es hier sowas überhaupt gibt. Vielleicht ist es in anderen Föderationssubjekten ja anders, dazu weiß ich zu wenig.

Klar gibt es solche Fälle in DEU, vielleicht auch irgendwo in RUS. Wir sprechen aber glaube ich weniger von einzelnen Fällen, die es natürlich immer und überall gibt.
Jon Snow knew nothing - Now he knows everythig..... And the big battle is over

Benutzeravatar
Norbert
Vize Admin
Vize Admin
Beiträge: 11896
Registriert: Freitag 30. Juni 2006, 11:25
Wohnort: Nowosibirsk, Dresden
Kontaktdaten:

Re: Ein Hektar in Ostsibirien / Ferner Osten Russlands

Beitrag von Norbert » Freitag 3. Juni 2016, 15:43

Ein sehr eindrucksvolles Beispiel ist eigentlich das Dorf, in dem ich vor vier Jahren für ein Jahr gelebt habe. Ein Seitental des Tom' in der Taiga, erreichbar nur über eine Fähre im Sommer oder über das Eis im Winter. Im Herbst und Frühjahr kein Anschluss per Auto, einige Wochen nicht einmal zu Fuß. Aber ganze 70 km von Novokusnjezk (70.000 Einwohner) entfernt.

Einst gab es im Tal fünf Siedlungen. Fast alle für die Angestellten mehrerer Straflager weiter im Wald, Holzeinschlag. Das Dorf direkt am Fluss (Ust Mrass) hatte 300 Einwohner, 38 Höfe, eine Grundschule. 4 Kilometer weiter lag ein Staudamm (Plotina), damit das Holz geflößt werden konnte. 57 Einwohner, 14 Höfe. Das Hauptdorf (Tutujas), weiter 4 km weiter, hatte 1172 Einwohner, 282 Höfe, eine Schule mit 8 Jahrgängen, einen Klub, eine Bibliothek, einen Kindergarten, eine Krankenschwester, eine Tankstelle, zwei Läden. Weitere 10 Kilometer weiter ein Dorf (Aksas) mit 322 Einwohnern und 92 Höfen, Grundschule, Bibliothek, Krankenschwester. Und weitere 20 Kilometer weiter war die letzte Siedlung (Verchni Tutujas) mit 213 Einwohnern, 70 Höfen, Grundschule.

Übrig geblieben ist ein registrierter Einwohner in Ust Mrass, rund 20 in Tutujas, einer in Aksas. Die letzten Arbeitspferde gab es vor 10 Jahren, aktuell noch etwa 20 Kühe und zwei Höfe mit Bienen. Strom haben nur noch Ust Mrass und Tutujas. Verkhni Tutujas ist ganz verschwunden, auch von den einstigen Arbeitslagern sieht man gar nichts mehr. Immerhin wird noch mit sehr viel Aufwand das verbliebene Stromnetz in Schuss gehalten, im Winter die Straße über den Fluss vereist und die Waldstraße geräumt. Im Frühjahr wird bei Bedarf das Eis auf dem Fluss gesprengt, um Überschwemmungen zu vermeiden. Man kann also nicht sagen, das Dorf würde einfach aufgegeben - im Gegenteil, die Ausgaben übersteigen den monetären Nutzen um ein Vielfaches.



Antworten

Zurück zu „Allgemeine #Diskussion - keine Politik“