Frage zu geplanter Schulreform

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Norbert
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Re: Frage zu geplanter Schulreform

Beitrag von Norbert » Donnerstag 21. Januar 2016, 08:50

Was mich schon ein wenig wundert: Die russische Schule hat im Sommer drei Monate Ferien, dazu eine Woche Winterferien, eine Woche Herbstferien, eine Woche im Frühling (?). Rund um Neujahr sind auch nochmals effektiv zwei Wochen frei. Es gibt 12 Schuljahre, teils wurde noch die 4. Klasse übersprungen und aufgrund dieses Schichtsystems sind auch lange Schultage eher ausgeschlossen. Gut, es gibt Samstags Schule, aber nie besonders lange.

Mein Schuljahr in Sachsen in den 1990er Jahren hatte sechs Wochen Sommerferien, eine Woche rund um Neujahr, eine Woche Winterferien, eine Woche Osterferien und eine Woche Herbstferien. Wir hatten ebenso 12 Schuljahre, aber an einigen Tagen bis zur 8 Stunde Unterricht.

Da frage ich mich schon, wie rein rechnerisch derselbe Stoff vermittelt werden kann, wenn zudem noch so ein viel größeres Augenmerk auf Literatur liegt?!



_RGP_
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Re: Frage zu geplanter Schulreform

Beitrag von _RGP_ » Donnerstag 21. Januar 2016, 09:44

Norbert hat geschrieben:Mein Schuljahr in Sachsen in den 1990er Jahren hatte sechs Wochen Sommerferien, eine Woche rund um Neujahr, eine Woche Winterferien, eine Woche Osterferien und eine Woche Herbstferien.

Sicher, daß Du dich da recht entsinnst?

6 Wochen Sommer
1 Woche Herbst
2 Wochen Weihnachten
1 Woche Winter
2 Wochen Ostern

Das dürfte der Standard sein.

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Re: Frage zu geplanter Schulreform

Beitrag von Wladimir30 » Donnerstag 21. Januar 2016, 10:29

Norbert hat geschrieben:Da frage ich mich schon, wie rein rechnerisch derselbe Stoff vermittelt werden kann, wenn zudem noch so ein viel größeres Augenmerk auf Literatur liegt?!
Meine Schulzeit liegt schon lange zurück, war ztudem im Westen, wobei ich nicht weiß, inwieweit ich jetzt für das Schulsystem in ganz Deutschland sprechen kann. Aber wenn ich das vergleiche, was ich noch aus dieser Schulzeit weiss und was ich von Freunden und Bekannten heutzutage in DEU mitbekomme, ist es eben nicht derselbe Stoff, der vermittelt wird. In DEU ist es meiner Meinung nach (wenn ich mich hier irre, dann seht es mir bitte nach) so, dass dort viel mehr Soziales und in epischer Breite vermittelt wird, Sozialkunde, Religion, Ethik, Werte und Normen oder wie das alles heißt (ohne das abwerten zu wollen, keineswegs!), im Deutschunterricht war da soviel Leerlauf durch ewiges Wiederkäuen von Büchern, die ich (der ich eigentlich immer sehr gern und sehr viel gelesen habe) komplett vergessen habe, die nirgendwo in keinem Kanon wiederzufinden sind. Im Vergleich hierzu erscheint mir das Schulprogramm in RUS wesentlich gestraffter.
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Re: Frage zu geplanter Schulreform

Beitrag von Saboteur » Donnerstag 21. Januar 2016, 11:47

Ich selber habe kein Kind in einer russischen Schule aber viele Freunde und Familie. Mal abgesehen was für Schweinerein laufen bezüglich guter Zensuren, (unbegründetes) Sitzenbleiben von Schülern um die Nachfolgeklasse zu füllen, (bestellte) Geschenke zum Tag des Lehrers und "freiwillige" Spenden für einen Eimer Farbe und 3 Pinsel, zeigt sich in unseren Gesprächen vor allem dass es viele Unzufriedenheuten gibt bezüglich der (zu?) hohen Leistungsanforderung (Was Lesen und Schreiben betrifft) bei Einschulung und im weiteren Verlauf des Schulbesuchs. Der Stoff würde stringent durchgezogen und wenn man nicht mitkommt bzw. individuellere Hilfe benötigt Eltern und Nachhilfelehrer in die Pflicht genommen werden, da Lehrer sich gerne auf die Postition ("Ihr Problem, bemühen sie einen Repititor") zurückziehen. Also es verbreitet sich das Gefühl, dass die ureigenen Aufgaben der Schule nicht wahrgenommen werden bzw. sich Eltern allein gelassen fühlen bzw. für schulischen Erfolg an einigen Stellen Geld in die Hand nehmen müssen. Sicher kann man das nicht verallgemeinern. Ist nur ein kleiner Einblick.

Meine Frau hat übrigens in Russland und in Deutschland (Berlin) unterrichtet. Sie sagt, dass die Schüler sich im Prinzip nichts nehmen und ihr in Berlin nichts begnet ist, was sie nicht auch aus Russland kennt.
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Re: Frage zu geplanter Schulreform

Beitrag von Norbert » Donnerstag 21. Januar 2016, 12:40

_RGP_ hat geschrieben:Sicher, daß Du dich da recht entsinnst?
Sicher zwei Wochen zu Ostern? Ich meinte immer, dass dies zugunsten der ostdeutschen Winterferien kurz war.

Wie dem auch sei - all das macht die halb so langen Sommerferien ja nicht wett?!



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Re: Frage zu geplanter Schulreform

Beitrag von Dietrich » Donnerstag 21. Januar 2016, 12:56

Wie wird denn in RU nach den langen Sommerferien weitergemacht?
Haben die erst eine längere Wiederholungsphase oder geht es da gleich thematisch weiter und die Kinder sehen am Ende der Ferien selbst zu, dass sie wieder auf dem Wissensstand von vor den Ferien sind.

Meine Frau sagte immer, sie hätten zum Beispiel über den Sommer eine Liste mit Literatur bekommen, die sie lesen mussten. Sowas kenne ich aus D selbst in der Oberstufe nicht.

Aber wenn ich höre, dass die Lehrerin die Schüler in der dritten Klasse "ein wenig toben" lässt, wenn es in der 5. Stunde mal zu laut wird und es trotzdem Schüler gibt, die im Unterricht einfach aufstehen und rumlaufen, dann liegt da auch Einiges im Argen.
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Re: Frage zu geplanter Schulreform

Beitrag von Wladimir30 » Donnerstag 21. Januar 2016, 13:34

Die Anmerkungen von Saboteur zum Schulalltag kenne ich. Das sehe ich aber viel differenzierter. Da ich nicht nur Kinder habe, die hier zur Schule gehen bzw. gegangen sind, sondern auch durch meine privaten und halboffiziellen Gespräche mit Studenten während meiner ehemaligen Tätigkeit an der Uni Einblicke in den Schulalltag habe, möchte ich das etwas zurechtrücken.

Es stimmt, dass viele Kindern und auch Eltern das Lernen schleifen lassen. Die Eltern sind beschäftigt, die Kinder spielen mit Smartphone, tablets usw. Hausaufgaben kommen zu kurz.

Es gibt in den Schulen, die ich kennen, ständig Zusatzunterrichte, die kostenlos angeboten werden. Die Teilnahme ist nicht Pflicht. Deshalb gehen viele Kinder da nicht hin. Sie können auch nicht gezwungen werden. Der Stoff, den die Kinder nicht lernen (zu dumm, zu faul, keine Lust oder sonstwas) und in den freiwilligen Zusatzunterrichten nicht erlernen, müssen sie sich dann eben mit Nachhilfelehrern (kostenpflichtig, klar) aneignen.

Dass die Schule ihre ureigensten Aufgaben nicht wahrnimmt kann ich keinesfalls bestätigen. Wohl aber, dass sich immer weniger Eltern darum kümmern. Die Elternabende (meine Frau hat das immer erfolgreich auf mich abgewälzt) waren immer schlecht besucht, höchstens ein Drittel der Eltern waren anwesend. Wenn es schlechte Noten hagelt für die KInder, dann ist Zeter und Mordio, dann meckern die Eltern rum. Und zwar gerade die, die nie zu den Elternabenden gegangen sind.

Sprich miner Erfahrung und auch aus den vielen Gesprächen mit anderen kann ich sagen, dass das Problem tiefer liegt, und zwar in der Meinung, dass viele Eltern Anforderungen an die Schule stellen, die diese nicht erfüllen KANN. Die Eltern müssen sich mit den Kindern hinsetzen oder sie zumindest dazu bewegen, die Hausaufgaben zu machen, sie müssen kontrollieren, ob sie die HA gemacht haben, sie dürfen ihnen auch ruhig helfen. Wenn ich schon ein Kind in die Welt setze, dann habe ich auch Verpflichtungen in der Erziehung, ob zuhaus oder auch in der Schule. Diese Verantwortung sehen viele Eltern nicht und meckern dann rum. Und es wird auf dem Rüäcken der Kinder ausgetragen.
viele Unzufriedenheuten gibt bezüglich der (zu?) hohen Leistungsanforderung (Was Lesen und Schreiben betrifft) bei Einschulung und im weiteren Verlauf des Schulbesuchs.
Hohe Anforderungen, ja. Zu hoch? Ist immer eine Frage der Einschätzung. Ich finde es nicht, unsere Kinder auch nicht. Anna ist es eher leicht gefallen, Sacha tut sich schwerer. Aber beide haben noch viel Freizeit und kommen in der Schule gut klar.

Gewolltes Sitzenbleiben wegen Klassenauffüllen ist mir nie untergekommen. Ich schließe das aber keinesfalls aus.

Eine Wiederholungsphase zu Beginn des neuen Schuljahres ist meines Wissens nach sehr kurz.

In den Sommerferien kriegen die Kinder tatsächlich eine Literaturliste. So ganz werden die drei Monate also nicht verplempert. Es ist aber nicht zu viel verlangt, in diesen drei Monaten auch was zu lesen. Es wurde nie eine lange Literaturliste vorgegeben.

Farbe und Pinsel selber kaufen? Ja, das kommt vor. Die Finanzierung der Schulen ist grottenhaft miserabel bis nicht vorhanden. Ich habe selbst schon im Kindergarten Wände gestrichen und Geld für neue Fenster im Klassenfenster gespendet, damit die Kinder nicht allzu sehr frieren im Winter. Das ist mehr als betrüblich, sagt aber nichts über das Schulsystem aus, sondern über die Finanzierung.
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Re: Frage zu geplanter Schulreform

Beitrag von Saboteur » Donnerstag 21. Januar 2016, 15:03

Wladimir30 hat geschrieben:... möchte ich das etwas zurechtrücken.
naja, ist halt eine Meinung/Erfahrung von vielen. So wie deine Erfahrungen auch.
Es stimmt, dass viele Kindern und auch Eltern das Lernen schleifen lassen. Die Eltern sind beschäftigt, die Kinder spielen mit Smartphone, tablets usw. Hausaufgaben kommen zu kurz.
absolut!
Wohl aber, dass sich immer weniger Eltern darum kümmern. ...
In Deutschland sicher auch ein weit verbreitetes Phänomen. Da stelle ich mir die Frage warum das so ist. Ist es wirklich nur desinteresse? Ich habe in den letzten Jahren zumindest nicht die besten Erfahrungen mit Schulen gemacht. Aber komplett fernbleiben ist aber trotzdem schräg...
...sagt aber nichts über das Schulsystem aus, sondern über die Finanzierung.
spannend wirds ja wenn man sich dem verweigert. Dann betrifft es sehr schnell wieder das das Schulsystem...
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Re: Frage zu geplanter Schulreform

Beitrag von Norbert » Donnerstag 21. Januar 2016, 15:05

Danke für diese Eindrücke. Wir werden dies erst alles ab Sommer erfahren. Aber die Schilderung von Wladimir decken sich weitestgehend mit dem, was uns jene Freunde sehen, deren Meinung ich normalerweise als objektiv schätze.

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Re: Frage zu geplanter Schulreform

Beitrag von Saboteur » Donnerstag 21. Januar 2016, 15:07

Norbert hat geschrieben: Wir werden dies erst alles ab Sommer erfahren.
Ich bin gespannt wie es läuft! Ich drücke die Daumen! :)
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