Russische Justiz wird zur Inquisition?

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bauplan
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Re: Russische Justiz wird zur Inquisition?

Beitrag von bauplan » Mittwoch 24. Oktober 2012, 07:27

Na dann will ich auch noch ein Abschlusswort bringen.

Das ich gegen Strafvollzug, egal ob in West oder Ost, so wie er durchgeführt wird im Allgemeinen bin, habe ich schon vorher mal betont.
Aber darüber will ich hier nicht diskutieren, dass gehört auch nicht hierher.

Das jede Gesellschaft und Kultur ihr eigenes Strafsystem hat, hatte ich auch schon einmal erklärt.
Während ich in Holland im Coffeeshop mit dem Polizisten von der Ecke beim Tee und Haschkeksen einen Joint rauchen kann, würde ich für ähnliches in Südostasien u.U. die Todesstrafe bekommen.
Wie wir auch hier schon festgestellt hatten, ist es vom Strafmaß her sinnvoller in Deutschland Menschen auf der Straße betrunken tot zu fahren als in Russland.
Auf unsere Mädels zu kommen. Ihre Aktion hätte in einer protestantischen Norddeutschen Kirche allenfalls Kopfschütteln hervorgerufen und die Gemeinde hätte sich gewundert, warum die „Kunstaktion“ nicht im Kirchenflyer angekündigt war.
Im katholischen Süden, hätte es dann schon massiv Ärger gegeben und in der arabischen Mosche wären ihnen wahrscheinlich wahlweise die Füße, Arme oder der Kopf abgehakt worden.
So wie mit den unterschiedlichen Strafen verhält es sich auch mit dem Strafvollzug. Während in Norwegen es wohl eher mit einem Sanatoriumsaufenthalt zu vergleichen ist, ist es in Südostasien die Hölle. Russland liegt da nicht nur geografisch in der Mitte.
Trotzdem sehen es die Norweger als Strafe an für 1 oder 2 Jahre in ihr „Sanatorium“ zu gehen, während es Russen gibt, die das gerne freiwillig machen würden, alleine schon wegen der Gesundheitsvorsorge.
Für Norweger wäre dann der russische Knast wohl mit der Todesstrafe zu vergleichen.

Also, in jeder Kultur herrscht ein Straf- und Strafvollzugssystem, welches dazu dient, dass die Menschen in der Kultur es auch als Strafe ansehen. Auch wenn ich aus einer anderen Kultur komme, werde ich trotzdem dem System in dem ich lebe unterworfen und kann nicht sagen, „huch ist das unmenschlich hier, ich dachte es ist alles so nett wie bei mir zu hause“.
Ich käme doch nie auf die Idee in Russland einen Joint zu rauchen. Der erste Mann meiner Frau hat 8 Jahre Lager für 50gramm Marihuana bekommen.

Da sind wir dann auch schon beim Lager.

Durch unsere Stiftung und auch in unserem Ort habe ich einige Knackies kennegelernt. Durch die Bank weg haben mir alle gesagt, lieber in ein Lager als ins Gefängnis.
Lager wird als die leichtere Form angesehen.

Aber in den westlichen Medien ist Lager für „Oppositionelle“ natürlich schlimmer. Lager impliziert doch gleich Lager = KZ = Terrorregime.

Im üblichen Knacki Sprachgebrauch haben die „Mädels“ also eine leichtere Strafe bekommen.
Sie wussten was sie machen, sie wussten in welchem Land sie das machen und an welchen Ort. Sie sind nicht geistig behindert, in Russland wird im Gegensatz zu den USA darauf Rücksicht genommen, und sie haben sich erwischen lassen. Dumm gelaufen, wer sich bei vermeintlich politischen Aktionen erwischen lässt ist schlecht vorbereitet, hat keine Ahnung oder einfach doof, oder will was ganz anderes erreichen. Publicity zum Kohlemachen vielleicht?
So what?

Noch kurz zu Kultgrieche, dass mit der Hexenverfolgung waren die Katholen. Die Protestanten waren da schon immer etwas weltoffener, auch wenn Martin Luther glaubte, er hätte den Teufel auf der Wartburg gesehen.



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Kultgrieche
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Re: Russische Justiz wird zur Inquisition?

Beitrag von Kultgrieche » Mittwoch 24. Oktober 2012, 09:27

bauplan hat geschrieben:Noch kurz zu Kultgrieche, dass mit der Hexenverfolgung waren die Katholen. Die Protestanten waren da schon immer etwas weltoffener, auch wenn Martin Luther glaubte, er hätte den Teufel auf der Wartburg gesehen.
Nicht so ganz... (siehe Wikipedia): "Der Zusammenhang von Konfessionen und Hexenverfolgung ist nicht eindeutig. In einigen Ländern wie in Italien und Spanien, in denen die katholische Kirche die Oberhand hatte, waren Hexenverfolgungen selten. Dagegen gehören aber auch viele katholische Regionen zu denen mit der stärksten Hexenverfolgung in Europa.
Die Anzahl der Verurteilten war in den verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich. Es gab hierbei Schwerpunkte wie zum Beispiel Skandinavien, Thüringen, das Rheinland, Westfalen, die katholischen Fürstbistümer im deutschen Reich, die Niederlande, Mecklenburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Gebiete in den USA und das Schweizer Wallis. Aber es gab auch andere Gegenden, wie zum Beispiel das Herzogtum Württemberg, in denen kaum Verfolgung stattfand. In Spanien hat die Inquisition die Hexenverfolgung verhindert. Behauptungen, wie sie im Kulturkampf wieder verbreitet wurden, die Jesuiten hätten zu Hexenverfolgungen angestiftet, wurden schon durch die ausführlichen Untersuchungen der Historiker Johann Janssen und Bernhard Duhr widerlegt.
Den Prozessen im Heiligen Römischen Reich lag die peinliche Halsgerichtsordnung Karls V. zugrunde, die sich allerdings auf das Delikt des „Schadenszaubers“ beschränkte und vorsah, dass Hexerei mit einer Buße für den tatsächlichen Schaden zu bestrafen sei. Allerdings wurde der Gerichtsordnung des (katholischen) Kaisers in protestantischen Territorien nur unvollständig Folge geleistet. In protestantischen Regionen wurde diese Vorschrift verschärft, weil Hexerei einen Bund mit dem Teufel darstelle und somit immer des Todes würdig sei."
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Re: Russische Justiz wird zur Inquisition?

Beitrag von bauplan » Mittwoch 24. Oktober 2012, 11:24

Und ich hatte gehofft, die Protestanten wären besser. Na dann hat Luther wohl doch richtig gesehen.

pippie

Re: Russische Justiz wird zur Inquisition?

Beitrag von pippie » Mittwoch 24. Oktober 2012, 13:20

bauplan hat geschrieben:Und ich hatte gehofft, die Protestanten wären besser. Na dann hat Luther wohl doch richtig gesehen.
Ja, der war schließlich hautnah dran ;)

Gunnar
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Re: Russische Justiz wird zur Inquisition?

Beitrag von Gunnar » Mittwoch 24. Oktober 2012, 13:52

Kultgrieche hat geschrieben: Wo du von Scheiterhaufen redest - dies ist nicht Teil der russischen Kultur/Geschichtze, sondern der deutschen, schließlich gab es die Hexenverfolgung vo allem bei den Protestanten. Da hat der Deutsche mehr Erfahrung damit :-)
Da sich meine Anmerkung auf die Deutschen hier im Forum bezog liegt hierin ja keine Widerspruch zu dem was Du sagst, im Gegenteil. Man gewinnt den Eindruck, dass alte Scheiterhaufenfantasien hockkommen....

Der Aspekt des Strafvollzugs als körperlich wahrnehmbare Vergeltungsmaßnhame für eine begangene Tat ist der älteste und archaischst. Geht es vorrangig um Vergeltung kann es natürlich ruhig ordentlich weh tun und unangenehm sein. Schliesslich soll der Delinquent ja büßen. Bei wirklich schweren oder grausamen Verbrechen kommt dieser archaische Wunsch in der Regel besonder schnell und massiv in der Bevölkerung hoch. Erstaunlich ist, dass einige diese Vergeltungsgelüste schon kaum noch zügeln können, wenn hier drei überdrehte Frauen in einer Kirche rumgehopst sind ...

Die drei anderen und wesenlich sinnvolleren Aspekte des Strafvollzugs sind die Generalprävention (Abschreckung von Nachahmungstätern), die Spezialprävention (Schutz der Allgemeinheit vor dem Delinquenten) und die Resozialisation als modernste und anspruchsvollste Form einer Antwort auf eine Straftat. Diese drei Aspekte fordern bei der Strafzumessung einen Blick über die Einzeltat hinaus in das Vorstrafenregister, das bisherige Leben und die Psyche des Täters. Es geht um Prognosen und gesellschaftliche Zusammenhänge.

Im Pussyfall haben wir es weder mit Schwerverbrechen noch Gewalttätern zu tun. Sie selbst haben ihre Tat als extreme Form der Meinungsäußerung und politischen Aktion angegeben. Bei solchen erstmals strafrechtlich verfolgten Störern reicht eine sehr leichte Bestrafung als Erststrafe aus um einen Schuss vor den Bug oder einen Denkzettel zu geben mit dem Hinweis, dass es bei einer Widerholung härter werden wird. Russland ist hingegen den Weg der reinen Vergeltungsbestrafung gegangen um die archaischen Vergeltungswünschen der orthodoxen Gläubigen zu befriedigen. Auch hier wird daher ein deutlicher Aufholbedarf Russlands in der Strafrechtsdogmatik erkennbar.

Wenn bauplan irgendwo zu Recht sagt: andere Länder andere Sitten, so kann man dem ja nicht widersprechen. Allerdings soll mir Putin dann mit seinem Geheule wegbleiben, der gemeine Westen wolle ihn partout nicht gleichberechtigt behandeln. Im Vergleich zu Syrien oder dem Iran ist Russland ja ein moderner Staat, also kann der Fortschritt ja dorthin exportiert werden ....



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Re: Russische Justiz wird zur Inquisition?

Beitrag von herlit » Mittwoch 24. Oktober 2012, 14:25

Ihr seit ja alle im Recht. Aber, liebe Leute, wer liest denn so viel Text? Doch kaum jemand. Ich meine, auch in einem Forum gilt, "in der Kürze liegt die Würze!"

bauplan
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Re: Russische Justiz wird zur Inquisition?

Beitrag von bauplan » Mittwoch 24. Oktober 2012, 14:56

Gunnar hat geschrieben: Wenn bauplan irgendwo zu Recht sagt: andere Länder andere Sitten, so kann man dem ja nicht widersprechen. Allerdings soll mir Putin dann mit seinem Geheule wegbleiben, der gemeine Westen wolle ihn partout nicht gleichberechtigt behandeln. Im Vergleich zu Syrien oder dem Iran ist Russland ja ein moderner Staat, also kann der Fortschritt ja dorthin exportiert werden ....
Nun könnte man die USA ja auch irgendwie als modernen Staat bezeichnen. In der Strafverfolgung und im Strafvollzug aber irgendwie doch eher dem russsichen angelehnt als dem europäischen.
Wobei die Russen wenigstens schon die Todesstrafe abgeschafft haben, aber einknasten ohne Urteil, blödsinnig hohe Strafen, ignorieren von internationalen Gerichtshöfen, Klassenjustiz, da ist doch der große demokratische Bruder jenseits des Atlantiks ein leuchtendes Vorbild und die Russen hätten da doch noch gewaltig nachholbedarf um so kaputt wie die USA zu werden.

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Re: Russische Justiz wird zur Inquisition?

Beitrag von Gunnar » Mittwoch 24. Oktober 2012, 15:14

bauplan hat geschrieben: Nun könnte man die USA ja auch irgendwie als modernen Staat bezeichnen. In der Strafverfolgung und im Strafvollzug aber irgendwie doch eher dem russsichen angelehnt als dem europäischen.
Wobei die Russen wenigstens schon die Todesstrafe abgeschafft haben, aber einknasten ohne Urteil, blödsinnig hohe Strafen, ignorieren von internationalen Gerichtshöfen, Klassenjustiz, da ist doch der große demokratische Bruder jenseits des Atlantiks ein leuchtendes Vorbild und die Russen hätten da doch noch gewaltig nachholbedarf um so kaputt wie die USA zu werden.
Die USA sind da wirklich kein leuchtendes Vorbild. Ich finde auch, dass man dort noch viel zu sehr an der Wild-West-Manier hängt. Man sieht das ja schon an den absurden Waffengesetzen :roll:
Mir gefällt auch nicht das Prinzip der großen Laienjury und des case law's das dort praktiziert wird. Wenn ich nur an diesen Absurden opair Mädchen Fall Louise Woodward denke, die wegen eines Stratgiefehlers ihrer Anwälte durch die Laienjury des Mordes für schuldig befunden werden konnte!
Die Entscheidung wurde damals dann allerdings in einer Art Appelation teilweise kassiert, mit der interessanten Begründung des Richters: " "I am morally certain that allowing this defendant on this evidence to remain convicted of second-degree murder would be a miscarriage of justice"

http://en.wikipedia.org/wiki/Louise_Woodward_case

Fast eine Art Handsteuerung, wie sie Putin ja so liebt....

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Re: Russische Justiz wird zur Inquisition?

Beitrag von Cookie » Mittwoch 24. Oktober 2012, 16:32

http://www.ardmediathek.de/swr2/swr2-im ... d=12216952

was erzählen die da von 5 tagen Reisedauer von Moskau nach Mordowien? mit welchem Tempo sind die gefahren?

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Re: Russische Justiz wird zur Inquisition?

Beitrag von Kultgrieche » Mittwoch 24. Oktober 2012, 19:33

Wahrscheinlich haben sich da importierte Castor-Gegner an die Schienen angekettet.
"Eines der zentralen Probleme heutzutage ist, dass die Politik so eine Schande ist. Gute Menschen gehen nicht in die Politik." (Donald Trump)



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